Überraschende Begegnungen
Soll es hier wirklich weitergehen? Der "Weg" vor mir sieht nicht gerade einladend aus. Als ich dann mit dem Karten-App überprüfe, wo ich gerade bin, stelle ich fest, dass ich vor vier Kilometern hätte rechts abbiegen müssen. Anstatt zurückzufahren, entscheide ich mich kurzerhand für eine "Abkürzung" über einen Feldweg. Hätte es an diesem Tag nicht geregnet, wäre das vielleicht gar keine schlechte Idee gewesen. Hätte. Resultat: Dreckigstes Fahrrad der Welt - oder so :-) Für einmal war ich für den Müll, der am Wegrand lag, ganz dankbar. Denn darunter befand sich auch eine Flüssigwaschmittel-Flasche, deren Boden bereits entfernt war. Damit liess sich ganz gut Wasser aus der Donau schöpfen, womit ich dann mein Fahrrad putzen konnte.
Als es Abend wurde, hat sich abgezeichnet, dass es wohl nicht zum nächsten Zeltplatz reichen würde. Weil ich gerade auf einer normalen Strasse unterwegs war und Ungarn äusserst flach ist, liess sich auf die Schnelle auch kein günstiger Platz zum Zelten finden. So habe ich mich spontan dafür entschieden, einfach mal durch das nächste Dorf zu fahren und die erstbeste Person zu fragen, ob ich bei ihr im Garten das Zelt aufstellen dürfte. Gedacht, getan. Nach einiger Zeit habe ich einen älteren Herrn entdeckt, dem ich mit einem kurzen Pantomimentheater erklären konnte, dass auf der Suche nach einem Platz für mein Zelt bin. Ohne zu zögern hat er mich zu sich gewunken und mich hinter sein Haus geführt. Dankbar wollte ich schon damit beginnen mein Zelt aufzustellen, als er plötzlich wieder erschien und mich zu einem anderen Gebäude neben dem Wohnhaus führte. Dieses hat sich als eine Mischung zwischen einem Studio und Abstellraum entpuppt. Natürlich nahm ich auch dieses Angebot dankbar an. Auf dem Weg zurück zum Velo, sind wir dann auf seinen Sohn gestossen, der ziemlich gut Englisch sprach. Gleich wurde ich zum Essen eingeladen, das mit selbstgemachten Würsten und Wein gekrönt war. Doch damit nicht genug, am nächsten Tag wurde ich auch noch zu einem umfangreichen Frühstück eingeladen und bekam eine Tüte mit Sandwiches, einer Wurst und Gemüse auf die Abfahrt.
Wenn man solche Gastfreundschaft erlebt hat, stellt man sich plötzlich die Frage, wie man denn selbst reagieren würde, wenn die die Rollen vertauscht wären. Würde ich einer fremden Person aus Ungarn, mit der ich nicht einmal ordentlich kommunizieren kann, den Schlüssel für mein Studio in die Hand drücken und diese Person mit allerlei Lebensmittel beschenken? Die Selbstverständlichkeit, wie alles mit mir geteilt wurde, als ob ich zur Familie gehören würde, hat mich auf jeden Fall überrascht und beeindruckt.
Während die Slowakei entlang der Donau eher dünn besiedelt ist, kommt man in Ungarn immer wieder an Dörfern und Städten vorbei. Diese sind oft sehr ausgedehnt und ohne wirkliches Zentrum. Die meisten Häuser sind eher klein und einstöckig. Dafür haben sie immer einen kleinen Garten. Zusammen mit den überirdischen Telefonleitungen erinnert das schon etwas an den American Dream.












Nach Ungarn muss man sich für eines der beiden Flussufer entscheiden. Die ungarische Familie, die mich eingeladen hat, hat mir Kroatien empfohlen. Kroatien hätte ich auch sonst gewählt, weil mir Kroatien auf früheren Reisen immer gut gefallen hat. Wäre da nicht der Zwischenfall mit der Polizei gewesen, wäre das vielleicht auch keine schlechte Wahl gewesen. Schon in Ungarn ist mir die hohe Polizeipräsenz aufgefallen. In Kroatien wurde ich dann das erste Mal angehalten. Tipp: Wenn ihr das nächste Mal mit dem Fahrrad nach China radelt und euch ein Polizist fragt, wohin es geht, antwortet vielleicht besser mit Schwarzes Meer oder so - China könnte als Spott empfunden werden! Auf jeden Fall wollte der dann meine Identitätskarte sehen, die ich nach ein paar Minuten auch zurückerhalten habe. Nur, weiter ging es an diesem Tag auf der EuroVelo-Route nicht. Denn dummerweise haben es die Kroaten an dieser Gabelung verpennt, ein EuroVelo-Schild aufzustellen. Und wenn dann dort noch ein Fahrverbot-Schild steht*, dann probiert man besser gar nicht erst zu erklären, dass es sich dabei um ein offizielles Europa-Route handelt und so. Irgendwann wurde ich dann mit einem wenig herzlichen "Go!" auf die normale Strasse verwiesen.
* In Deutschland führt die EuroVelo-Route durch so viele Fahrverbote, dass ich mich schon gefragt habe, ob ausserhalb der Schweiz das Fahrverbot überhaupt für Fahrräder gilt.
















Kurzer Einschub: In meinem Kartenapp habe ich zwischen Serbien und Kroatien ein "Land" namens Liberland entdeckt. Schon mal davon gehört? Scheinbar beansprucht weder Serbien noch Kroatien gewisse Gebiete entlang der Donau, worauf ein Typ dort sein eigenes Land ausgerufen hat. Wird zwar nicht anerkannt, aber auf meine Karte hat er es geschafft :-)
Nach dem kurzen Abstecher über Kroatien, bin ich inzwischen in Serbien angekommen. Erstmals habe ich es mit dem kyrillischen Alphabet zu tun (das auch für Russisch verwendet wird). Weil Serbisch aber auch mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird und viele Schilder mit beiden Varianten beschriftet sind, stellt das keine grosse Hürde dar. Im Vergleich zu Kroatien fällt jedoch sofort auf, das deutlich weniger Leute gut Englisch sprechen.
In Serbien habe ich endlich die ersten anderen Radreisenden angetroffen, und was für welche! Susana und Oscar aus Spanien bereisen mit ihren zwei Kindern bereits seit sieben Monaten Europa auf ihren Trike-Fahrrädern. Das eine Kind ist zwar bereits schulpflichtig, aber scheinbar lässt sich der Unterricht teilweise über das Internet abwickeln (wie das genau funktioniert, habe ich leider nicht mitbekommen). Mit 30 bis 40 Kilometern am Tag will die Familie bis im August Amsterdam erreichen. Weil es schon späterer Nachmittag war und sie noch die nächste Stadt erreichen wollten, war das Treffen zwar nur kurz, aber aufgestellt hat es mich trotzdem sehr!














Inzwischen habe ich realisiert, wie schlecht ich Europa eigentlich kenne. Starke Verschmutzung gab es für mich irgendwie immer nur weit weg. Seit der Slowakei hat sich diese Vorstellung zu ändern begonnen. Hier in Serbien hat die Umweltverschmutzung durch Abfälle ein wirklich schlimmes Niveau angenommen. Während die Städte einigermassen sauber sind, gibt es auf dem Land wirklich selten Stellen, wo man keine Petflaschen liegen sieht: Äcker, Weiden, Bäche, Flüsse, Wälder - der Abfall ist einfach überall. Nicht selten sieht man am Strassenrand auch tote Hunde und Katzen liegen. Es geht mir hier nicht darum, Serbien irgendwie schlecht darzustellen. Ich finde die Situation hier einfach krass.





Belgrad ist für mich eine Stadt mit sehr ambivalenten Eindrücken. Als ich, mal wieder bei Dämmerung, in der Stadt ankam, war ich gleich umgeben von hässlichen Wohnhäusern aus der kommunistischen Ära. Solche Häuser habe ich inzwischen zwar bereits mehrfach gesehen, aber meist nur ausserhalb des Zentrums. Der Grund, weshalb die hier so zentral stehen, ist auch der Grund, weshalb Belgrad eine sehr interessante Stadt ist: Geschichte. In Europa gibt es angeblich keine andere Stadt, in der so viele Konflikte ausgetragen wurden. So wurde auch im zweiten Weltkrieg ein grosser Teil der Stadt zerstört. Um möglichst schnell viel Wohnraum zu schaffen, wurden dann diese Betonklötze hingestellt. Auch sehr eindrücklich fand ich, als uns der Guide bei der Walking Tour vom Kosovokrieg und der Bombardierung der Stadt erzählte. Natürlich kannte ich die Handlungen im Groben. Wenn dir aber jemand, der nur ein paar Jahre älter ist als du, von den eigenen Erinnerungen aus dieser Zeit erzählt, wird die Situation erst so richtig real. Dann sind es plötzlich nicht mehr nur Zeitungsberichte oder Geschichtsbücher, sondern Geschehnisse, die sich gar nicht mal so weit von deinem Zuhause abgespielt haben.


















Seit ich Belgrad verlassen habe und mehrheitlich über das Land fahre, fällt mir immer wieder die Schlichtheit auf, mit der Leute ihre Arbeit erledigen. Ab und zu trifft man Hirten mit ihren Herden an. Dann sieht man Bauarbeiter, die von Hand ein Loch graben, wofür man in Westeuropa sicherlich Bagger verwenden würde. Viele Traktoren sehen aus wie aus den 70-Jahren. Da kommt es schon ab und zu mal vor, dass ich mit dem Fahrrad einen Traktor überhole.
Sagte ich Türkei? Seit ich in Serbien bin, laufen die Hunde oft frei umher. Das erste Mal, als mich dann ein Köter bellend begleitet hat, blieb ich dann doch nicht so ruhig, wie ich es mir vorgenommen habe. Denn wenn man plötzlich die Zähne eines Hundes sieht, realisiert man halt doch, dass so was nicht unbedingt harmlos ausgehen muss. Bisher war es aber immer so, dass die Verfolgung irgendwann aufgehört hat, auch ohne das Tempo zu erhöhen. Ganz normal weiterzufahren scheint also nicht die dümmste Strategie zu sein.








Heute habe ich mit einem Serben gesprochen, der lange Zeit in Deutschland gelebt und sich dann zu seiner Pension wieder in Serbien niedergelassen hat. Er war überhaupt nicht glücklich, in welchem Zustand das Land ist und meinte, dass er wieder zurück nach Deutschland ziehen und sein Haus hier nur noch als Ferienwohnung benützen will. Besonders enttäuscht war über die Verschmutzung und die Jugendarbeitslosigkeit. Unter Tito sei das das noch besser gewesen. Auch über das Lohngefälle in Europa hat er sich entgeistert geäussert. Sein ehemaliger Arbeitgeber in Deutschland hat dort den Standort geschlossen und die Fabrik nach Ungarn verlegt, "wo für ein Deutscher 6 Ungarn" angestellt werden können. Wenn Serbien, mit noch tieferen Löhnen erst in der EU sei, wie solle es da noch weitergehen? Auch wenn der Mann sicherlich nicht zu den Optimisten gehört, hat mich dieser Gedanke schon noch etwas beschäftigt. In Serbien verdient man im Durchschnitt gerade mal 335 Euro pro Monat, in der Schweiz knapp das Fünfzehnfache. Die Luftdistanz zwischen den beiden Ländern beträgt keine tausend Kilometer. So ein Gefälle kann ja wohl nicht ewig aufrecht erhalten bleiben.
Zum Abschluss noch eine Milchbüechlirechnung: Kürzlich habe ich mal mit ein paar Online-Rechnern ausgerechnet, wie viele Kalorien ich täglich so verbrenne. Dort kann man leider selten "Überladenes Fahrrad bei 17.5 km/h" als Aktivität auswählen. So oder so, die Rechner haben mir Resultate zwischen 2500 und 4000 Kilokalorieren ausgespuckt. Demnach sollte ich bedenkenlos 5 Tafeln Schokolade pro Tag essen können! Das einzige Problem dabei: Langsam wird es schwieriger, gute Schokolade zu finden.