Balkanroute mal anders
Mit dem Einkauf in den Händen verlasse ich ein kleines Lebensmittelgeschäft in Kladovo, Serbien. Plötzlich wird mir ein Kaffee in die Hand gedrückt. "On the house, we like cyclists". Noch traue ich dem kleinen Herrn nicht ganz und frage mich, was mir wohl gleich noch angedreht wird. Trotzdem setze ich mich hin und schlürfe gemütlich das Getränk. Auch nach mehreren Minuten folgt keine Aufforderung, noch eine Speise oder so zu bestellen. Stattdessen kommen wir ins Gespräch. Als wir uns verabschieden, gibt mit Pepo noch ein paar Tipps und bietet mir an, dass ich ihm jederzeit anrufen kann, wenn ich eine Frage habe solange ich mich in Serbien befinde.
Vielleicht eine Stunde später, ich befinde mich wieder auf der Strasse, werde ich ziemlich abrupt dazu aufgefordert, anzuhalten. Sofort frage mich, was der Hippie-Typ von mir will. Doch auch hier werde ich überrascht. In gutem Deutsch meint er, dass ich doch mal eine Pause machen soll. Ob ich ein Bier wolle? Tschako ging in Stuttgart in die Schule und hat dort bis in meinem Alter gearbeitet. Jetzt sei er hier in der Landwirtschaft tätig, wenn auch im Winter jeweils arbeitslos. Für eine Familie reiche sein Einkommen leider nicht. Meine Reise fand er zwar sehr interessant, aber so richtig verstanden hat er nicht, weshalb ich mir das antue. Mehrmals hat er mich gefragt, was ich denn in China wolle und ebenso oft habe ich ihm erklärt, dass es mir nicht um China per se, sondern um die Reise ginge.
Nachdem sich Serbien landschaftlich zu Beginn nicht wesentlich vom flachen Ungarn unterschied, wurde es nach Belgrad einiges schöner. Ich bin dann der Donau durch das grösste Flusstal in Europa gefolgt, umgeben von teilweise fast senkrechten Felswänden. In den 70er-Jahren wurde hier das damals grösste Flusskraftwerk weltweit gebaut, wodurch der Wasserpegel um 35 Meter angehoben und etliche Dörfer überschwemmt wurden. Als ich ein Foto vom Staudamm machen wollte, hat mir schon von weitem eine uniformierte Person klar gemacht, dass Touristen hier nicht erwünscht sind. Deshalb gibt es von mir nur eine weniger spektakuläre Ausnahme von weiter weg. Übrigens, wie schon einige Male zuvor, bildet auch hier die Donau die Grenze zwischen zwei Ländern, Serbien und Rumänien in diesem Fall.
Mögt ihr euch an das EuroVelo-Schild mit der Aufschrift "We wish you […] the wind at your back" erinnern? Das hat tatsächlich seine Berechtigung. Einmal war es so windig, dass es mich die Windstösse nicht selten auf die andere Strassenseite gedrückt haben. Kam ein Auto in Sicht, musste ich vorsichtshalber immer anhalten. Ab und zu hatte ich den Wind aber zum Glück auch von hinten. Dann lagen 35-40 km/h ohne grösseren Aufwand drin.
Das Essen in Serbien hat mir übrigens gut geschmeckt. Bei den tiefen Preisen hier gönnt man sich gleich viel öfters eine Speise auswärts. Bier, Salat, grosses Brot und Hauptspeise - das macht dann 6.50 Fr. bitte.
Anstatt mal wieder bei Dämmerung die Grenze zu überschreiten, habe ich mich bei Bulgarien entschieden, bis zum nächsten Morgen zu warten. In Ungarn und Serbien waren die Leute, mit denen ich über Bulgarien gesprochen habe, immer etwas skeptisch, was die Sicherheit angeht und so wollte ich den ersten Eindruck lieber bei Tageslicht gewinnen. Die Grenzbeamten waren freundlich, hielten es aber nicht für nötig, für mich die Barriere zu öffnen. Darf ich jetzt weiter oder wollen die noch was von mir? Nach kurzem Zögern bin ich die Barriere dann halt einfach umfahren.
Begrüsst wurde ich in Bulgarien von paarenden Hunden. Es ist schon interessant, was sich nach dem Übertreten einer Grenze alles so ändern kann. Die Strassen sind in einem besseren Zustand, die Felder wirken saftiger und vor mir türmt sich das schneebedeckte Balkangebirge auf. Oft sieht man Pferde weiden. Auf den ersten Blick scheinen sich diese frei bewegen zu können, auf den zweiten sieht man aber, das sie oft am Fuss angekettet sind. Auf weniger befahrenen Strassen trifft man meist eine Kutsche an. Doch auch die Leute ändern sich: Ich war mir nicht bewusst, dass in Europa so dunkelhäutige Menschen leben. Erst später habe ich erfahren, dass es sich dabei vermutlich um sesshafte Roma gehandelt hat. Das Gebiet in der Nähe der Grenze ist eher ärmlich. Man sieht viele Ziehbrunnen, die vermutlich auch noch gebraucht werden. Viele Häuser sehen selbstgebaut aus: gerade Linien fehlen und die Bachsteine sind unvollständig verputzt. Häufig sind auch die verlassenen und zerfallenen Häuser. Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, sind viele türkischstämmige Bulgaren in die Türkei gezogen und haben ihre Häuser dem Zerfall überlassen. Durch solche Dörfer zu fahren ist extrem spannend. Überall gibt es etwas zu sehen. Man spürt einfach, dass das Leben hier anders ist.
Um nach Sofia, der Hauptstadt von Bulgarien, zu gelangen, muss ich dann auch erstmals einen richtigen Pass überqueren. Nach 1500 Höhenmeter erreiche ich kurz vor Sonnenuntergang die Passhöhe. Vom Frühling spürt man hier oben nichts mehr. Stattdessen liegt noch ordentlich viel Schnee. Wie erhofft sehe ich ein Schild mit einem Bett, das eine warme Übernachtung verspricht. So setzte ich mich ins Restaurant und trinke mal wieder eine heisse Schokolade. Der Wirt spricht zwar nur ein paar Brocken Englisch, aber schnell wird klar, dass das Hotel nicht offen hat. Der einzige andere Gast gibt mir dann zu verstehen, dass ich ihm folgen soll. Wir überqueren die Strasse zu einem einfachen Haus, in dem er mir einen Raum mit drei Betten zeigt. Zwar verstehe ich kein Wort, aber ich gebe ihm mit Gesten zu verstehen, dass ich sehr gerne hier übernachten würde. Darauf folgen ein paar Stunden im Restaurant, wo wir uns mit Papieren, meinem Karten-App und dem OhneWörterBuch zu verständigen versuchen. Gar nicht mal so einfach. Dass ich nach China radeln will, hat den älteren Herrn aber auf jeden Fall sehr begeistert und schüttelte mir immer wieder die Hände.
Die Abfahrt am nächsten Tag war weniger toll, als ich es mir erhofft habe. Es war eine Aufundabfahrt mit Gegenwind. So oder so, irgendwann habe ich dann die Hauptstadt Sofia erreicht, wo ich einen Tag Pause einlegte. So richtig erwärmen konnte ich mich für die Stadt jedoch nicht. Die Anekdoten aus der kommunistischen Ära, die uns der Tour Guide erzählte, fand ich hingegen äussert spannend. Weil Kommunismus und Religion nicht kompatibel sind, hat die Regierung zu dieser Zeit verschiedene Massnahmen getroffen, um die Leute von den Kirchen fernzuhalten. Dazu hat man beispielsweise während den christlichen Festtagen viel Polizei auf die Strasse gestellt. Auch wenn diese nichts gemacht hat, bestand dann halt doch die Angst, dass vielleicht Akten über einem angelegt werden, wenn man dann zur Kirche geht. Gleichzeitig waren dies die einzigen Tagen, an denen im staatlich kontrollierten Fernsehen amerikanische Filme ausgestrahlt wurden. In Bulgarien wurden zwar keine Kirchen abgerissen, aber diese wurden manchmal einfach mit anderen Gebäuden so umbaut, dass man sie kaum mehr wahrnahm.
Ein Aufsteller in Sofia war, dass ich Fernradler aus Hongkong getroffen habe. Ming und Wallace reisen von Hongkong nach Hongkong - einmal um die Welt. Sie haben zwar nicht genau die Strecke abgefahren, die ich fahren werde, aber konnten mir trotzdem einige Tipps geben. Recht interessant war auch zu hören, wie sie mit den Visa- und Routen-Schwierigkeiten umgehen. Dabei haben sie die ziemlich komfortable Ausgangslage, dass sie problemlos durch Tibet wie auch Europa reisen können. Als Chinesen fühlten sie sich selbst in Pakistan sicher.
Plovdiv, die zweitgrösste Stadt in Bulgarien, hat mir recht gut gefallen. Plovdiv ist eine der ältesten Städte in Europa und hat insbesondere aus dem römischen Zeitalter ein paar schöne Bauten vorzuweisen. Im Quartier Kapana würde sich gleichzeitig aber auch jeder Hipster wohl fühlen. In dieser Stadt habe ich auch das erste Mal Couchsurfing ausprobiert. Dabei handelt es sich um eine Website, welche dir ermöglicht, einen Couch bzw. Schlafplatz bei jemandem zu Hause zu finden. Dabei fliesst kein Geld, sondern man verbringt Zeit mit dem Gastgeber, bringt vielleicht ein kleines Geschenk mit oder versucht sich sonst nützlich zu machen. Mein Gastgeber Beko wohnt in einem kommunistischen Wohnblock. Obwohl es erst späterer Nachmittag war, bereitete er mir sofort eine Mahlzeit zu. Stolz erzählte er, dass er einmal 8 Leute in seiner eher kleinen Wohnung zu Besuch hatte. Er habe fast jeden Tag Gäste. Nachdem wir noch einen anderen Gast abgeholt haben, hat er uns die halbe Stadt gezeigt. Langsam war es offensichtlich, dass er seine ganze Freizeit für Couchsurfing aufopfert. Am nächsten Morgen wachte ich zu Geräuschen in der Küche auf. Unser Frühstück wurde gerade vorbereitet. So schön Gastfreundschaft auch sein kann, ich musste an diesen Tagen auch feststellen, dass mir genügend Schlaf und Privatsphäre ziemlich wichtig ist.
Nach einer langen Phase von gutem bis grandiosem Wetter hat es dann auch mal wieder geregnet. Weil sich am Abend keine bessere Schlafmöglichkeit finden liess, musste ich trotzdem das Zelt aufstellen. Die Suche nach einem geeigneten Platz war jedoch auch nicht erfolgreich und so habe ich mich irgendwann einfach entlang ein paar Büschen auf einem Feldweg von der Strasse entfernt. Nach vielleicht 100 Metern ging gar nichts mehr. Zwischen den Reifen und den Schutzblechen hat sich so viel lehmige Erde angestaut, dass ich das Fahrrad nicht mal mehr schieben konnte. Doch ich war noch immer nicht genügend weit von der Strasse entfernt. Zurück ging nicht mehr, weil das Putzen zu lange gedauert hätte. Vorwärts hiess, Gepäck abladen und im Regen weitertragen. Und so habe ich meine sieben Sachen halt so weit getragen, bis ich einen geeigneten Platz gefunden habe.
Um von Bulgarien in die Türkei zu gelangen, musste ich durch insgesamt 5 Grenzposten: Bulgarien-Ausreise, Durchwinkposten, Passkontrolle, Zoll, Passstempel-Kontrolle. Der Komplex ist dabei von "Wachtürmen" umgeben. Ja, dieser Grenzübergang hat mich ziemlich beeindruckt. Die Gepäckkontrolle beim Zoll hingegen weniger. Mehr als die obersten 5 cm jeder zweiten Tasche wurden dabei nicht kontrolliert. Gleich nach dem Grenzübergang steht dann auch schon die erste Moschee. Eine neue Welt beginnt.
An Moscheen hat es auch in Edirne, der ersten Stadt in der Türkei, nicht gefehlt. Die Moschee im Stadtzentrum ist sogar ziemlich imposant. Wie nach den meisten Grenzen habe ich auch in der Türkei zuerst einmal einen Bankomaten gesucht. Diese hat es auch jede Menge. Das Problem dabei: Die wenigsten unterstützen Visa Plus, was meine liebe Postkarte aber benötigt. Nach dem 6. Versuch habe ich es aufgegeben. Es gibt da jedoch so eine Website, wo man Visa-Plus-kompatible Bankomaten suchen kann. Also geht die Suche nach einem Wifi los. Während ich in Bulgarien fast überall ein offenes Wifi gefunden habe, ist dieser Luxus in der Türkei vorbei. Irgendwann wurde ich von zwei Herren angesprochen, die ich dann auch gleich gefragt habe, ob sie vielleicht wissen, wo ich Wifi finden könnte. So wurde ich dann in ihr Büro geführt, wo mir das erste Mal türkischer Tee angeboten wurde. Nach einem netten Gespräch, ob ich denn Facebook habe und der obligatorischen Foto-Runde, hat mich Ersin zur Bank gebracht und mich anschliessend auch noch gleich zum Mittagessen eingeladen. Etwas überraschend werde ich mit zwei Backenküsschen verabschiedet - daran muss ich mich erstmals noch gewöhnen.
Auf meiner Weiterfahrt sind mir viele Neubauten aufgefallen. Die Strassen sind top und auch sonst scheint die West-Türkei ein modernes Land mit guter Infrastruktur zu sein - so zumindest der erste Eindruck. Der Weg nach Istanbul auf der D-100 war dann aber schon etwas eintönig. Bis vor ein paar Jahren gab es noch eine wenig befahrene Alternative, die B-020, welche aber inzwischen auch ausgebaut wurde. So fahre ich also meist auf Autobahn-ähnlichen Strassen, die seitlich immer viel Platz haben, womit man sich zumindest nicht Sorgen um überholende Autos machen muss. Plötzlich sehe ich zwei Männer neben der Strasse bräteln, die mich auch sofort zu ihnen winken. Gleich wird mir Wurst und Brot angeboten. Verstehen tun wir uns zwar nur begrenzt, aber eins scheint nach diesen wenigen Stunden in der Türkei sicher: verhungern werde ich hier nicht.
Als ich mal wieder falsch abgebogen bin, stand ich plötzlich vor einem Armenviertel. Erdstrassen, einfachste Häuser, Müll. Das war mal wieder so ein Moment, wo ich merken musste, wie stark sich die Gefühle, die durch ein Foto ausgelöst werden, von der Realität unterschieden, wenn man sich effektiv an diesem Ort befindet. Man spürt einen extremen Kontrast zwischen sich mit der "luxuriösen" Ausrüstung und der unmittelbaren Umgebung. Eigentlich hätte ich mir den Ort gerne genauer angeschaut. Und auch wenn die Leute dort vermutlich genauso freundlich sind, wie auch sonst in der Türkei, wollte ich mich dann doch nicht exponieren - und liess auch die Kamera dort, wo sie unsichtbar ist.
Die Gastfreundschaft in der Türkei ist wirklich beeindruckend. Einmal stand ich vor einem kleinen Lebensmittelgeschäft und wollte schon einkaufen gehen, als ich auf Englisch angesprochen wurde. Nach ein paar Sätzen werde ich gefragt, was ich trinken wolle. Nun gut, wenn ich schon so direkt gefragt werde - mal wieder eine Cola wäre doch nett. Mit einer 2-Liter-Flasche habe ich dann aber nicht gerechnet. Nur wenige Sätze später verschwindet der Mann nochmals im Geschäft und bringt mir ein paar Biskuits. Er wohne gleich dort drüben, ob ich nicht etwas Zeit habe. So wurde ich dann zum Mittagessen mit Suppe, Joghurt, Brot und Milchreis eingeladen. Nach einem längeren Austausch wird mir sogar noch eine super-feine Honigerdnusswaffel auf den Weg gegeben. Es vergehen keine 15 Minuten, da treffe ich einen türkischen Fahrrad-Fahrer, der mich für 10 Kilometer begleitet. Als wir an seinem Ziel ankommen, fragt er mich, ob ich noch etwas mit ihm trinken wolle. Klar doch! Nach einem türkischen Tee gibt es gleich nochmals Milchreis. Bezahlen durfte ich natürlich nicht, denn "You are a guest of my country". Dieser Satz ging mir dann noch länger durch den Kopf.
Nach einem weiteren Tag über unzählige Hügel auf der D-100 erreichte ich endlich das Meer. Bald schon war ich ununterbrochen umgeben von Gebäuden. Mit jedem Vorort wird der Strasse eine Spur hinzugefügt. Der Pannenstreifen, auf dem ich mich bis vor kurzem noch sicher fühlte, wird plötzlich zu einer rechten Überholspur. 10, dann 12 Spuren. Ein Meer von Hochhäusern baut sich vor mir auf. Gehupe, Gedränge. Die Fahrt im Feierabendverkehr in eine Megastadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern ist nicht unbedingt eines der Erlebnisse, das man sich von einer solchen Tour wünschen würde, aber jetzt, wo ich es erlebt habe, will ich es doch nicht mehr missen. Es ist ein Erlebnis mit überwältigenden Eindrücken. Grösse wird neu definiert. Probleme werden relativiert.
Nach 3200 Kilometern und beinahe 6 Wochen auf dem Rad bin ich wohlauf in Istanbul angekommen. Die letzten paar Tage habe ich hier entspannt mit meiner Freundin verbracht. Heute geht es weiter. Europa lasse ich hinter mir, ein riesiger Kontinent steht vor mir. Nachdem ich schon in Europa feststellen musste, dass ich ein leicht verzerrtes Weltbild habe, ist eines klar: langweilig kommt später!
Zum Abschluss will ich noch mein neustes Projekt mit euch teilen. Einen Entwurf für das erste internationale Hup-Wörterbuch für Radfahrer:
| Ton | Übersetzung |
|---|---|
| tut [weit entfernt] | Ich komme, bitte schön am Rand bleiben |
| tut-tut | Coole Sache, weiter so! |
| TUUT | Platz da! |
| TUT-TUT | Coole Sache! Nur habe keine Ahnung, wie laut meine Hupe ist. |
| TUUUUuuuut | Weg da, Radfahrer haben hier nichts zu suchen! |
Ergänzungen sind willkommen!