Top, die Wette gilt!

Am Abend bevor ich Göreme verliess, gab es eine nette Überraschung: Roman hat sich doch noch entschieden, über Kappadokien zu reisen. So haben wir auf dem Sunset Point den Sonnenuntergang genossen und anschliessend bei einem feinen Mahl all die kleinen Geschichten ausgetauscht, die wir in den letzten Tagen erlebt haben. Schmunzelnd erzählte er beispielsweise, dass er am Regentag 9 Mal zu Tee eingeladen worden sei. Einstimmig haben wir uns auch entschieden, die türkischen Hirtenhunde nach Gothic-Dogs umzutaufen.

Um in Zukunft besser gegen Regen gewappnet zu sein, ging es am Tag darauf auf die Suche nach einem Imprägnierspray. Dafür nahm ich die Fahrt durch die Millionenstadt Kaisery in Kauf, die ich ansonsten stressfrei hätte umfahren können. Weil ich nicht so recht wusste, wo ich die Suche beginnen sollte, habe ich irgendwann einfach mal ein Geschäft betreten, das Arbeitskleidung verkauft. Nach ein paar erfolglosen Verständigungsversuchen wurde ich kurzerhand zum Chef geführt. Dieser meinte, dass ich es doch mal in den Baumärkten versuchen sollte. Für den Fall der Fälle hat er mir noch seine Karte zugesteckt. Im nächsten Baumarkt angekommen, war ich zuerst einmal überrascht über das Angebot - ich hätte genauso gut irgendwo in Westeuropa sein können. Ein Mitarbeiter hat mich dann mit der Hilfe von Google Translate ausgefragt und mich anschliessend zum Gestell mit Farbsprays gebracht. Nach einer weiteren Runde Google Translate steht "Transparent?" auf dem Display seines Smartphones. Spätestens dann war mir klar, dass das Konzept des Imprägniersprays in der Türkei wohl nicht besonders bekannt ist. Trotzdem habe ich die Frage mal noch mit Ja beantwortet, worauf er mir ein Acrylspray anbieten wollte. Kurz darauf, inzwischen befand ich mich in einem weiteren Geschäft, traf ich eine Deutsche, die meinte, dass ich ein Imprägnierspray wohl nur in einer Grossstadt wie Istanbul finden sollte. So musste ich das Einmillionenkaff Kaisery halt ohne Imprägnierspray wieder verlassen.

Ursprünglich wollte ich ja eigentlich einfach dem Schwarzen Meer entlangfahren. Erst in Istanbul habe ich mich spontan für die Route durch Zentralanatolien entschieden, was sicher die richtige Entscheidung war. Nun stellte sich aber die Frage, wie es weitergehen sollte: Über Georgien und Armenien, wie ursprünglich geplant, oder doch direkt in den Iran? Wenn über Armenien, die kürzere Hauptverkehrsroute über Sivas oder die bergige Route über Malatya? Weil ich wegen dem ablaufenden Iran-Visum unter Zeitdruck war, habe ich mich zuerst einmal für die Route über Sivas entschieden. Doch schon nach wenigen Stunden auf der Strasse musste ich mir ernsthaft die Frage stellen, was ich hier eigentlich mache. Der Verkehr hielt sich zwar in Grenzen, aber im Vergleich zu der letzten Woche war es einfach laaangweilig.

Als ich an diesem Montagabend in der Nähe eines kleinen Sees nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau hielt, sah ich eine Gruppe von Leuten um ein Feuer sitzen. Spontan entschloss ich mich dazu, einfach mal auf die Leute zuzugehen. Sofort wurde mir ein Klappstuhl freigemacht und ein Sandwich angeboten. Bei der Gruppe handelt es sich um zwei Familien, deren Kinder am Tag nach dem Referendum schulfrei hatten. Der eine Sohn namens Mehmed sprach ziemlich gut Englisch und so kamen wir ins Gespräch. Nach einigen Fragen zu meiner Person musste ich dann mein Wissen über die Türkei auf die Probe stellen. Was ich über das Osmanische Reich wisse? Was ich von Atatürk halte? Atatürk, der Gründerväter der Türkei, ist in diesem Land omnipräsent. So lag auch auf dem einen der beiden Autos ein kleiner Teppich mit seinem Abbild. Als er mich dann weiter fragte, ob ich die Türkei für ein sauberes Land halte, antwortete ich etwas ausweichend damit, dass die Türkei zumindest sauberer als Osteuropa sei - denn seinen offensichtlichen Nationalstolz wollte ich an diesem Abend nicht verletzen. Ziemlich direkt meinte er darauf, dass er die Türkei für ziemlich dreckig halte. Nicht unbedingt die typische Konversation mit einen 16-Jährigen! Später komme ich dann mit Mehmeds Vater ins Gespräch, welcher mir als Geografie-Lehrer unbedingt empfiehlt, doch noch auf die südliche Route über Malatya auszuweichen und dann dem "paradiesischen" Van-See entlangzufahren.

Diesem Ratschlag würde ich zumindest teilweise folgen. Während den nächsten Tagen ging es über Malatya nach Bingöl. Zwar hatte es auf diesen Strassen deutlich weniger Verkehr, aber als vierspurige Strasse hat es mir auch dort nur begrenzt gefallen. Deshalb habe ich immer wieder einige Umwege eingebaut, was ich aber meist nach wenigen Stunden wieder bereute. Weshalb? Nun, diese kleineren Strassen waren oft nicht gerade im besten Zustand, was wohl auch der Grund für meine nächsten zwei Platten war. Der grösste Umweg hat mir dabei gleich drei Rekorde eingebracht: Knapp 2100 Höhenmeter an einem Tag, ein lahmes Durchschnittstempo von 12 km/h und dies trotz Abfahrten mit meiner neuen Höchstgeschwindigkeit von bis zu 71 km/h. Dabei ist Höhenmeter nicht gleich Höhenmeter. Manchmal mache ich mehrere hundert Höhenmeter ohne auch nur über eine Pause nachzudenken. Nicht so an diesem Tag. Schon nach kurzer Zeit auf einer Kiesstrasse mit 13%-Steigung hat sich das Stopp-Intervall von Minuten auf wenige Sekunden verringert. Schleppend ging es so die Hügel hoch. Als ich dann am Abend die Strasse auf der Suche nach einem blickgeschützten Zeltplatz verliess und nach einigen hundert Metern über Wiesen meinte, einen solchen gefunden zu haben, musste ich feststellen, dass diese Wiese mit dornigen Pflanzen durchzogen war. So durfte ich im Halbdunkeln die Suche nach einem anderen Platz fortsetzen. Es gibt Tage, da wird einem nichts geschenkt!

Wurde dir auch schon mal vom Kapitän einer Fähre der Maschinenraum gezeigt? Aber wohl kaum bei voller Fahrt und Beladung, oder?! Weil das Gras auf der anderen Seite des Sees einfach grüner aussah und ich auf meiner Karte eine Fährverbindung fand, entschloss ich mich die Uferseite zu wechseln. Zuerst einmal war dann aber der Hafen nicht dort, wo er auf der Karte eingezeichnet war, sondern mehrere Kilometer weiter östlich. Beim Hafen angekommen gab es verschiedene Fähren zur Auswahl, die - zumindest für nicht Türkisch sprechende Touristen - nicht wirklich klar gekennzeichnet waren. Also ging ich einfach mal auf eine der Fähren und versuchte herauszufinden, wo die denn genau hinfährt. Die Matrosen haben mich nicht wirklich verstanden, worauf ein paar Schulkinder zur Hilfe kamen. Nach einem Satz war dann aber klar, dass deren Englisch noch schlechter als mein Französisch ist. Dann wird halt der Kapitän gerufen! Nach wenigen Sekunden waren meine Fragen geklärt, mir die Fahrt geschenkt und ich wurde auf die Kommandobrücke beordert. Als wir mitten auf dem See waren, fragte mich der Kapitän plötzlich, ob ich den Maschinenraum sehen wolle. Nun ja, wieso nicht? Etwas verdutzt folge ich ihm dann unter Deck. Ob dann jemand anderes die Kontrolle übernahm, entschliesst sich meiner Kenntnis. Angekommen sind wir auf jeden Fall heil :-)

In Bingöl musste ich mich dann definitiv entscheiden, auf welcher Route es weitergehen sollte. Kurze Zeit habe ich mit dem Gedanken gespielt, bis zum schönen Van-See zu radeln, dann einen Bus in den Norden zu nehmen und wie geplant über Armenien zu reisen. Die gesamte Strecke mit dem Fahrrad zu fahren, wäre zeitlich nicht mehr möglich gewesen. Doch auch die direkte Route über Erzurum würde kein Kinderspiel werden. Immerhin gilt es bis in den Iran 18000 Höhenmeter zu bezwingen. Nachdem ich mehrmals Knieprobleme hatte, war mir auch klar, dass ich unter Umständen so oder so auf den Bus ausweichen müsste. Doch weil ich kurz zuvor die Ursache für meine wiederkehrenden Knieprobleme gefunden habe, nämlich Schmierfett an der Sattelstange, wollte ich nicht so schnell auf bequeme Optionen ausweichen. Auf dieser Reise geht es ja schliesslich nicht einfach darum, möglichst viele Attraktionen abzuklappern, sondern auch um mich selbst neu zu erfahren und meine Limits auszutesten. Und so weisst du nun, wie es zum heutigen Blogtitel kam: 18000 Höhenmeter in zwei Wochen. Top, die Wette gilt!

In der Osttürkei kam ich dann ein- bis zweimal täglich an einer Polizei- oder Militärkontrollen vorbei. Gepanzerte Fahrzeuge, Wasserwerfer, Soldaten hinter Sandsäcken, die ihr Maschinengewehr bedrohlich in deine Richtung halten - da darf man sich etwas unwohl fühlen, oder? Natürlich wurde ich auch gleich bei der ersten Kontrolle aus dem Verkehr gewunken. Der Soldat war dann aber hauptsächlich an meinen Kilometern interessiert und war deutlich freundlicher als die Polizisten in Kroatien. Wie ich später von einem Deutschen erfahren habe, stellen diese Kontrollen eine Massnahme gegen den PKK-Terror dar, der sich in den letzten Jahren vermehrt auch gegen Zivilisten richtete.

Abgesehen von diesen Kontrollen trifft man hier auch dauernd auf Baustellen. Teilweise werden halbe Hügel abgetragen und Schluchten verbreitert um den Platz für zwei zusätzliche Spuren für die Fernstrassen zu schaffen. Einmal stand ich plötzlich vor einem Stausee, der in meinem Karten-App noch nicht existierte. Stattdessen waren dort etliche kleine Ortschaften eingezeichnet, die nun irgendwo auf dem Grund dieses Sees schlummerten. Beeindruckend sind auch die Pipelines, die durch das Land verlegt werden. Eine dieser Pipelines muss einen Durchmesser von guten vier Metern gehabt haben. Einen solchen Bauboom habe ich vielleicht in China, aber sicherlich nicht in der Türkei erwartet.

Eher unerwartet für mich war auch zu sehen, dass selbst im Osten des Landes der Ackerbau einen moderneren Eindruck als in Osteuropa macht. Bis auf 1800 Meter über Meer trifft man mehrheitlich auf moderne Traktoren. Wenn die Traktoren am Morgen auf die Felder oder am Abend zurück zum Hof fahren, kann man oft einen Mann in einem einfachen Anzug und eine Frau mit Kopftuch darauf beobachten. Die Viehwirtschaft hingegen ist noch immer sehr einfach. Immer wieder trifft man auf Herden, die von Hirten mit Eseln begleitet werden. Im Osten bin ich dann ab und zu auch auf Hirten gestossen, die noch Kinder waren und wo ich mich echt fragen musste, ob die nicht gerade in der Schule sein sollten.

Bald schon ging es höher und höher in die Berge hinauf. Die Dörfer und damit auch die Begegnungen mit der Lokalbevölkerung wurden seltener. Trotzdem gab es weiterhin immer wieder schöne Begegnungen. Einmal wurde ich von Bauarbeitern zum Tee eingeladen, ein anderes Mal zu Wassermelone. Selbst Restaurantbesitzern liessen mich nicht immer die Rechnung bezahlen. Einige Erlebnisse will ich etwas ausführlicher erzählen:

Mein Lebensmittelvorrat ging langsam zur Neige und suchte ich in einem kleinen Dorf nach einem Markt. Manchmal gibt es in solchen Dörfern Märkte, die von aussen kaum als das erkennbar sind, weshalb ich einfach mal die erstbeste Person ansprach und das Wort Market fallen lies. Der ältere Mann, der gerade mit seinem Sohn eine Mauer vor dem Haus baute, führte mich darauf in das Wohnzimmer seines Hauses. Weil das Wort Çay gefallen war, war ich im Glauben, dass gleich Tee serviert werden würde. So habe ich mit Karte und Fahrradcomputer meine Reise erklärt, doch schon bald gingen mir die "Worte" aus und eine komische Stille trat ein. So müssen etwa fünfzehn Minuten vergangen sein, immer wieder unterbrochen von neuen Kommunikationsversuchen, als die Frau des Mannes uns ins Esszimmer führte. Auf dem Boden war auf einem runden Tablett verschiedene Speisen in kleinen Tellern ausgebreitet. Anstatt sich mit dem Mann, seinem Sohn und mir um das Tablett zu setzen, verliess die Frau den Raum dann aber gleich wieder. Ungewohnt war für mich, dass wir alle aus denselben Tellern assen. Seltsam fand ich auch, dass wir die Olivensteine nicht etwa auf das Tablett legten, sondern auf das Tuch, auf dem wir auch sassen. Geschmeckt hat es mir aber auf jeden Fall.

Nachdem ich mal wieder einen Pass überquert habe und es rassig abwärts ging, hatte ich plötzlich ein Auto an meiner Seite, das mich einfach nicht überholen wollte. Stattdessen wurde die Scheibe heruntergekurbelt und noch während der Fahrt begann eine Konversation auf Deutsch. Ob ich wisse, dass ich mich gerade auf 2400 Metern befinde? Die deutsche Familie mit türkischen Wurzeln fand mein Vorhaben echt der Hammer und wollte mich in Erzurum, der nächsten Stadt, nochmals treffen. So wurde Telefonnummer und Adresse ausgetauscht. Als ich dann nach einigem Herumfragen das Haus gefunden hatte und an der Tür klingelte, musste ich erstmals etwas Geduld üben. Dann hiess es, dass die Familie noch einige Besorgungen in der Stadt erledigte. Ich hab mich schon gefragt, ob der Umweg umsonst war, als mich Mikail, der auch zur Familie gehört, in ein Restaurant einlud. Daraus wurden ein echt interessanter Abend, an dem wir über verschiedenste Fragen über die Türkei und das Leben an sich philosophierten.

Beim wenig frequentierten Çıldır-Grenzübergang nach Georgien kam es zu einer letzten Überraschung in der Türkei. Nachdem ich dem Grenzwärter meine Identitätskarte gezeigt habe, hat er mich in sein Büro gebeten. Ob ich auch einen Pass habe? Weshalb ich denn nicht mit dem Pass in die Türkei eingereist sei? Kurz habe ich ihm erklärt, dass ich damit Probleme bei der Einreise nach China vermeiden wollte. Darauf liess mich der Grenzwärter für einige Zeit in seinem Büro sitzen. Als ich schon ungeduldig wurde, erschien ein Kollege von ihm und hat Frühstück aufgetischt: Brot, Nutella, Käse und Oliven. Als sie meine Vorliebe zu Nutella erkannten, haben sie mir das Glas hingestreckt und liessen es mich fertig machen. Doch damit nicht genug - der zweite Grenzwächter holte darauf gleich noch Nachschub! Falls du Grenzübergänge bisher anders erlebt haben solltest, dann machst du wohl etwas falsch :-)

Viel wusste ich nicht über die Türkei, als ich das Land betreten habe. So war ich umso mehr über die wunderschöne Natur, die Moderne und die Gastfreundschaft überrascht, die ich hier erleben durfte. Die Strecke bis nach Kappadokien ist bisher das klare Highlight dieser Reise. Inzwischen befinde ich mich bereits in Armenien, wo ich mich auch sehr wohl fühle - doch mehr dazu in etwa einer Woche.

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