Wodka und Höhenmeter im Kaukasus

Wer meinen Standort-Updates gefolgt ist, wird sich sicherlich gefragt haben, weshalb ich nicht einfach direkt von der Türkei in den Iran gereist bin. Ursprünglich habe ich die Route über Armenien ins Auge gefasst, weil das EDA von Reisen in die Südosttürkei abrät und dort Radfahrer auch immer wieder in weniger erfreulichen Kontakt mit Steine-werfenden Kindern kommen. Als ich mich dann über Armenien informierte, habe ich plötzlich eine Faszination für dieses Land entwickelt - ohne wirklich zu wissen weshalb eigentlich. Weil die Grenzen zwischen Armenien und der Türkei momentan geschlossen sind, musste ich dann noch den Umweg über Georgien einbauen, was dem Land jedoch nicht gerecht wurde.

Nachdem ich am georgischen Grenzübergang einen Crashkurs in Georgisch genossen hatte, ging es auf guter Strasse durch bewaldete Landschaften weiter. Im ersten Dorf angekommen fühlte ich mich schon fast wieder in Osteuropa: Anstatt Moscheen gab es nun wieder Kirchen und auch die Sowjetunion hat ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Der Zustand war jedoch erbärmlich. So viele zerfallene Häuser habe ich selbst in Osteuropa nie gesehen. Um ein kleines Backsteinhäuschen war eine Gruppe älterer Männer versammelt, die mich freudig begrüssten. Leer schlucken musste ich jedoch, als ich einen Mann sah, dem ein Fussball-grosses Geschwür vom Hals aus unter seinem Hemd hing.

Wieder auf dem Land wurde ich von einer Gruppe Bauern auf das Feld gewunken. Sofort wurde mir ein Glas Wodka eingeschenkt. Wodka zur Mittagszeit? Zu meinem Glück war die Flasche dann leer, ansonsten hätte es mit der Weiterfahrt an diesem Tag schwierig werden können. Dann haben sie mir ein Stück Brot und Käse gegeben. Als ich fertig gegessen hatte, gab es sogleich Nachschub. Eigentlich war ich ja gar nicht hungrig. Obwohl ich das zu zeigen versuchte, haben sie darauf bestanden, dass ich gleich nochmals ein Stück esse. Wenn ich den Bauern richtig verstanden habe, war der Käse selbstgemacht - nur leider nicht ganz nach meinem Geschmack. Und so gab es noch ein Stück. Die Resten wurden mir dann in eine Tüte zur Weiterreise verpackt.

Als ich mal wieder eine meiner berüchtigten Abkürzungen überstanden hatte (armes Velo), hielt plötzlich ein Camper neben mir. Das ältere Ehepaar forderte ich mich sogleich auf, bei ihnen einzusteigen. Weil ich das so verstanden habe, als wollten sie mich ein Stück mitnehmen - ein Angebot, das ich bereits öfters ablehnen musste - habe ich verneint. Auch nicht für einen Kaffee? Ach so, ja klar! Das Paar aus Neuseeland war auf einer ähnlichen Route wie ich unterwegs und so haben wir uns sofort verstanden. Sie selbst in ihrem Verwandtenkreis als Verrückte verrufen, genossen es endlich mal jemanden gefunden zu haben, den sie selbst als verrückt bezeichnen durften. Erst nachdem ich den ganzen Vorrat an Kekse verspeist, was die Frau mit Blick auf den Bauch ihres Mannes gut hiess, und wir lange über das Leben philosophiert hatten, entliessen sie mich wieder meinem eigenen Schicksal.

Kaum im nächsten Dorf angekommen, rief mich ein Herr zu sich und führte mich in die Bäckerei. Mit einer Geste machte er mir deutlich, dass ich mir etwas aussuchen solle. So habe ich mich für ein Brot mit Kartoffelfüllung entschieden. Während ich das Gebäck verspeiste, verschwand er aus dem Geschäft und kam kurz darauf mit zwei Colas in den Händen zurück. Doch damit nicht genug: Erst nach zwei weiteren Gebäcken war er zufrieden mit mir!

Die gute Strasse gleich nach dem Grenzübergang war dann auch die einzige gute Strasse, die ich an diesem Tag zu Gesicht bekam. Georgien hat wohl ein Patent auf Schlaglöcher. Ab und zu kam es sogar vor, dass ich ein neues Auto überholte, dessen Besitzer verzweifelt versuchte, einen Weg durch das Schlagloch-Labyrinth zu finden. Die meisten Fahrer nahmen hingegen Schläge in Kauf und kamen in einem ziemlich hohen Tempo im Zickzackkurs auf mich zu. Das ist gar nicht so angenehm, wenn man nicht sicher sein kann, dass man auch gesehen wurde.

Und das alles in einem halben Tag! Wäre da nicht mein ablaufendes Iran-Visum gewesen, hätte ich sicherlich mehr Zeit in diesem Land verbracht. Wäre, hätte. Nachdem der armenische Zöllner eine Runde mit meinem Velo gefahren war, war ich in Armenien. Das Land, welches als erstes das Christentum zur Staatsreligion erhob. Ein Land voller Höhenmeter. Der erste Tag in Armenien war jedoch bis am Abend nicht besonders spektakulär. Plötzlich gab es wieder in jedem Städtchen offenes Wifi. Anstatt zu Tee oder Wodka wurde ich bei einer Familie zu Kaffee eingeladen.

Und dann der Abend: Ich hatte mich eben einen Pass hochgekämpft, da begann zu hageln. Zusammen mit einem streuenden Hund, dessen rechtes Auge mit Blut unterlaufen war, fand ich Schutz unter einem kleinen Unterstand. Zu meiner Beruhigung liess er mich genauso in Ruhe wie ich ihn. Als sich der Hagel gelegt hatte, ging es bei schöner Stimmung den Berg hinunter - zumindest bis meine Weiterfahrt nach einem Fotostopp von einem Mann verhindert wurde. Ziemlich deutlich gab er mir zu erkennen, dass ich nach links abbiegen solle. Weil es jedoch schon kurz vor Dämmerung und ich auf der Suche nach einem Schlafplatz war, hatte ich jedoch gerade keine Lust darauf und fuhr geradeaus weiter - zumindest bis zum Hupkonzert, das dann erklang. "Na gut, dann schaue ich halt mal, was es dort zu sehen gibt", dachte ich mir und fuhr dem Auto durch das kleine Dorf hinterher, bis wir vor seinem Haus zu stehen kamen. Durch zwei Türen hindurch folgte ich ihm in das räumige Wohnzimmer, in dem ich seine Frau, seine vielleicht 9-jährige Tochter sowie ihre Grossmutter vorfand. Nach einer kurzen Begrüssung winkte er mich jedoch bereits wieder nach draussen, wo wir in sein Auto stiegen. Was dann folgte, war die wildeste Fahrt meines Lebens, unterstrichen von lauter armenischer Volksmusik. Der Sinn dieser Fahrt? Einerseits wurde ich dem halben Dorf vorgestellt und anderseits mussten wir noch einen folgenreichen Einkauf tätigen: eine Flasche Wodka. Als wir dann nach etlichen Vollbremsungen auf unbefestigten Strassen wieder vor seinem Haus zu stehen kamen, war ich echt froh, sein Auto wieder verlassen zu dürfen. Wieder im Haus war der Tisch gedeckt, wenn auch nur für uns zwei, und so begannen die Speise - natürlich mit einem Glas Wodka. Als er das Glas das dritte Mal nachfüllte, ging die Hälfte bereits daneben und ich fragte mich langsam, ob er wohl bereits vorher angetrunken war. Etwa gleichzeitig begann dann auch eine ziemlich laute "Diskussion" zwischen ihm und dem älteren der beiden Söhne, die inzwischen auch nach Hause gekommen waren. Der Tochter war es offensichtlich unwohl. Mit einem verunsicherten Gesichtsausdruck kam sie immer wieder aus ihrem Schlafzimmer heraus und verschwand dann kurz darauf wieder. Die Grossmutter hingegen, die selbst auch ein Glas Wodka genossen hatte, mischte ab und zu im Streit mit, schaute dann zu mir und lächelte mir zu. Das gab mir den Eindruck, dass dies wohl zum abendliche Standardprogramm gehörte. Nachdem der Inhalt des Wodka-Glases durch den Raum gespritzt war und der Sohn sein Smartphone auf dem Boden zerschmettert hatte, wurde der Streit nach draussen verlegt. Einige Zeit war vergangen, da kam der sichtlich betrunkene Vater wieder rein und verschwand dann auch gleich ins Schlafzimmer. Mit dem jüngeren Sohn, der während dem ganzen Abend ruhig vor dem Computer sass, hatte ich dann noch einen netten Austausch bevor ich mich dann auch auf dem Sofa hinlegte.

Am nächsten Morgen ging die Fahrt weiter nach Jerewan, der Hauptstadt von Armenien. Die Stadt selbst hat mich jetzt nicht sonderlich beeindruckt. Die Geschichte hingegen, die ich dort über Armenien kennengelernt habe, war faszinierend wie auch erschütternd. Bisher hatte ich vom Völkermord an den Armeniern immer nur im Zusammenhang mit der türkischen Regierung gelesen, welche diesen leugnet. Was da genau passiert ist, war mir gänzlich unbekannt. Man würde doch meinen, dass nachdem man den Ersten Weltkrieg in der Schule dreimal durchgekaut hat, von allen wichtigen Ereignissen während dieser Zeit gehört hat - und trotzdem wurde dieser Völkermord, bei dem je nach Schätzung bis zu 1,5 Millionen Menschen umgekommen sind, nie auch nur erwähnt. Hier eine Kurzfassung: Nachdem das Osmanische Reich eine Schlacht gegen die Russen verloren hatte, wurden dafür die Armenier verantwortlich gemacht. Zuerst wurden dann die armenischen Soldaten, welche für das Osmanische Reich kämpften, entwaffnet und umgebracht. Danach folgte die armenische Elite. Die meisten Todesopfer forderten jedoch die Massendeportationen der armenischen Bevölkerung in die syrische Wüste, bei denen die Menschen entweder verhungerten oder umgebracht wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann die Republik Armenien gegründet, die wesentlich grösser als das heutige Armenien war. Weil das Land jedoch weiterhin Angriffen der Türkei ausgesetzt war, schloss es sich zum eigenen Schutz freiwillig der Sowjetunion an. Die Sowjetunion tauschte dann jedoch mit der Türkei einen Grossteil des armenischen Landes gegen die Hafenstadt Batum im heutigen Georgien, weshalb Städte wie Kars oder der Berg Ararat heute zur Türkei und nicht mehr zu Armenien gehören.

Weil ich bereits in Istanbul das Turkmenistan-Transitvisum nicht beantragen konnte, obwohl das in der Vergangenheit möglich war, war in Jerevan ein Gang zur turkmenischen Botschaft fällig. Für umgerechnet 20 Rappen nahm ich die Metro in das Viertel der Botschaft. Bei der Adresse angekommen, informierte mich dann jedoch eine ältere Frau, dass die Botschaft umgezogen sei. Die neue Adresse laute Verin Antarain 138. Etwas genervt darüber, dass die Botschaft nicht imstande ist, ihre Website zu aktualisieren, nahm ich dann halt ein Taxi für zwei Franken zur neuen Adresse. Muss ich erwähnen, dass der Taxifahrer das Gebäude nicht fand? Irgendwann traf ich dann jedoch auf einen Österreicher, der gerade von der Botschaft kam - und, wer hätte es gedacht, den Antrag auf ein Transitvisum nicht stellen konnte. Weil ich inzwischen nur wenige Meter von der Botschaft entfernt war, wollte ich das zumindest noch mit eigenen Ohren hören. Die freundliche Dame dort war dann aber wenig hilfreich. Sie wollte mir nicht einmal bestätigen, dass es momentan besonders schwierig sei, ein Visum für Turkmenistan zu erhalten.

Die nächsten Tage ging es dann über etliche Pässe dem von Aserbaidschan umgebenen Landstreifen entlang in den Süden. Immer wieder habe ich Abstecher eingebaut, um mir einige der vielen Sehenswürdigkeiten Armeniens anzuschauen. Denn obwohl das Land eigentlich relativ klein ist, gibt es wirklich viel zu entdecken. Von armenischen Klostern und Kirchen über griechisch-römische Tempel bis zu Ausgrabungen war alles vertreten. Dazu kam eine Natur, die mich einige Male ins Staunen versetzte. Auch wenn ich die beiden Ararat-Berge nie komplett wolkenfrei sehen konnte, war ich trotzdem äusserst beeindruckt von dem Anblick der beiden Vulkane.

Am Tag bevor ich die Grenze in den Iran überschreiten sollte, kam dann die armenische Abschlussprüfung: Zwei Pässe mit insgesamt 2500 Höhenmetern galt es zu überqueren. Die Steigung war mit 7 bis 9 Prozent machbar. Verkehr gab es auf der M-17 so gut wie keinen. Das Wetter war top. Einfach mal sechs Stunden aufwärts zu trampeln, brauchte dann aber doch äs bitzeli Überwindung. Als dann kurz vor der Passhöhe das Wetter umschlug und es bei heftigem Wind zu regnen begann, war meine Motivation im Eimer. Sollte das echt schon wieder eine nasse Abfahrt werden? Kurz nachdem ich mich warm eingepackt hatte, zeigte sich das Wetter aber doch noch gnädig und der Regen liess nach. Somit stand schönsten Abfahrt meines Lebens nichts mehr im Wege: Beinahe 30 Kilometer ging es durch schönste Landschaften auf perfekter Strasse abwärts, unterbrochen von lediglich drei mal Pedalieren. Als ich dann für kurze Zeit mit 60 km/h über einen Gebirgskamm flog, fühlte ich mich so wunderbar frei wie selten zuvor. Im Tal unten erwartete mich dann der Fluss Aras, der die Grenze zum Iran bildet. Vorerst trennte mich jedoch noch ein Grenzzaun vom Iran, den ich am nächsten Tag bis in das Dorf Agarak folgen sollte.

Die Strecke von der türkischen Grenze bis kurz nach Jerewan hat mir echt gut gefallen. So viele aussergewöhnliche Erlebnisse wie auf dieser Strecke hatte ich noch selten. Für den Süden Armeniens hätte ich hingegen ein paar zusätzliche Tage gut vertragen können. Nun, dass das kein Spaziergang werden würde, war mir bewusst. Zumindest weiss ich jetzt, dass mich keine Berge mehr stoppen können!

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