Der lange Weg nach Isfahan

Der Iran. Bereits bevor ich in diesem Land ankam, wurde ich mit unzähligen Meinungen konfrontiert. Der Verkehr sei schrecklich, liessen mich zwei Radfahrer aus Portugal wissen. Der Fährkapitän meinte, dass im Gegensatz zur Türkei die Politik im Iran nicht sauber sei. Der türkische Grenzwächter setzte noch einen drauf und spielte zu "Dangerous, Mr. Richard!" einen Erhängten. Gleichzeitig wusste ich jedoch auch, dass der Iran ein sicheres Reiseland ist und es vielen Reisenden in diesem Land gut gefallen hat. Nun, dann wollen wir doch mal schauen:

Ich hob noch einige armenische Dram ab, wechselte diese zu Dollar, liess mein Gepäck durch den Röntgenscanner laufen und fuhr über die Brücke auf die andere Seite des Grenzflusses. Mein Visum wurde überprüft und als gültig empfunden. Ich wurde gefragt, wohin es gehe, ein Gepäckstück durfte nochmals durch den Scanner und ich war im Iran. Die Dollar habe ich sogleich in Rial getauscht, womit ich mal wieder Multimillionär wurde. Anders als in der Türkei erwartete mich nach der Grenze aber keine Moschee, sondern ein verlassenes Gebirge. Die langen Hosen, welche ich für den Grenzübergang vorsichtshalber angezogen hatte, zog ich kurz darauf wieder ab - denn erstmals überhaupt auf dieser Reise war es sommerlich heiss. Gleich mehrmals kam es an diesem Tag noch vor, dass ich von Autofahrern mit einem herzlichen "Welcome to Iran" begrüsst wurde. Einen Satz, den ich noch oft hören würde.

Am Tag darauf, ich war gerade auf einer Kiesstrasse unterwegs, hielt mal wieder ein Auto neben mir an. "You are on the wrong street", meinte einer der beiden Herren im Auto. Sogleich stiegen die beiden aus und zeichneten mir auf ein Blatt Papier den Weg zur nächsten asphaltierten Strasse auf. Eigentlich war mir ganz wohl auf der kleinen Strasse, aber als sie mir versicherten, dass es auf der asphaltierten Strasse auch kaum Verkehr habe, entschloss ich mich ihrem Rat zu folgen. Doch soweit sollte es nicht kommen, denn bevor ich weiterfahren konnte, wurde ich gefragt, ob ich noch etwas brauche. Weil ich nicht wusste, wann ich das nächste Mal Trinkwasser finden sollte, habe ich entsprechend geantwortet. Sie forderten mich dann auf, auf das Baugelände neben der Strasse abzubiegen. Dort angekommen wurde ich von einer Gruppe Leute begrüsst und ehe ich die Situation einschätzen konnte, wurden mir zwei Plastiksäcke mit Brot, Käse, Früchten, Süssigkeiten sowie zwei 1,5 Liter Wasserflaschen in die Hände gedrückt. Nachdem mir ein Arbeiter eine Karte vom Iran mit einer Routenempfehlung gezeichnet hatte, kam gleich die nächste Überraschung. Unter den vielleicht acht Leuten, die mich inzwischen umgaben, befand sich auch die erste Frau, die ich im Iran traf. Ja, das Kopftuch fehlte nicht, doch ansonsten war die junge Frau sehr modern gekleidet - und bat mich ohne zu zögern um das erste von unzähligen Selfies, das mit mir im Iran geschossen wurde. Als dann auch die Männer ihre Fotos bekommen hatten und ich mich auf die Weiterfahrt machen wollte, meinte der Mann, der mich ursprünglich angehalten hatte, dass er mir den Weg zeigen wolle. So fuhr er dann geduldig geschätzte zehn Minuten im Auto vor mir hin und zeigte mir noch kurz den Staudamm, den sie hier gerade errichteten.

Als ich einige Stunden später meinen Einkauf bezahlen wollte, machte ich meine erste bewusste Erfahrung mit dem Tarof, einer iranischen Höflichkeitsform. Da wollte doch tatsächlich ein wildfremder Mann meinen Einkauf bezahlen. Weil ich jedoch gelesen hatte, dass man solche Angebote dreimal ablehnen muss, bevor man darauf eingehen darf, habe ich das Angebot dankend zurückgewiesen, was den Mann auch überhaupt nicht störte. Vor dem Laden traf ich dann einen Farsilehrer, der über das ganze Gesicht strahlte, einfach nur weil er mich traf. Obwohl sein Englisch nur mässig war, war er extrem bemüht, sich mit mir zu unterhalten. Als wir uns verabschiedeten und er mir seine Wünsche nicht völlig in Englisch vermitteln konnte, wechselte er in seine Muttersprache. Auch wenn diese Begegnung nur von kurzer Dauer war, fand ich es sehr berührend zu sehen, wie sich Leute so freuen können, mit Touristen in Kontakt zu kommen. Es ist natürlich nicht jede Begegnung gleich, aber im Iran habe ich trotzdem oft das Gefühl, dass es die Leute als Ehre empfinden, mit Ausländern in Kontakt zu kommen - und sei es auch nur, dass du ihr Salam erwiderst.

Tabriz war die erste grössere Stadt, die ich besuchen wollte. Auf der Karte zeichnete sich ab, dass sich die grossen Strassen bei der Einfahrt nicht vermeiden liessen. Weil ich über den iranischen Verkehr so einige Horrorgeschichten gehört hatte, machte ich mich am nächsten Tag mit gemischten Gefühlen auf den Weg nach Tabriz. Als ich dann auf die grosse Strasse traf, war alles halb so schlimm wie erwartet. Wie auch schon in der Türkei hatten die Strassen einen Pannenstreifen, den ich grösstenteils für mich alleine hatte. Auf dem Weg in die Stadt beobachtete ich jedoch einige ziemlich waghalsige Überholmanöver. Dass ich dann Zeuge von einem Zusammenstoss in der Innenstadt wurde, wenn auch einem harmlosen, konnte mich nicht überraschen. Verkehrsregeln scheint es hier nur begrenzt zu geben. Bei Kreiseln wird der Vortritt bilateral ausgehandelt. Um die Situation etwas zu entschärfen, haben diese oft vier bis sechs Spuren, wobei einige der Spuren auch als Taxi-Warteplatz und Bus-Station dienen. Bei der Einfahrt bin ich auch erstmals auf iranische Radler gestossen. Dass diese auch nur kurze Hosen trugen, fand ich beruhigend - die Bekleidungsregeln scheinen also lange nicht so strikt, wie in Reiseführern beschrieben.

In Tabriz hat es den grössten überdeckten Basar der Welt. Dort habe ich dann so einige Stunden verbracht und mit Teppichverkäufern Tee getrunken. Ich war überrascht, wie viele Leute hier Basel kannten - und sei es auch nur wegen Fussball. Nur einmal wurde ich gefragt, ob die Schweiz eine Stadt in Deutschland sei - wobei ich vielleicht anmerken sollte, dass diese Frage von einem Jugendlichen kam, der zudem perfekt Englisch sprach. Anstrengender war hingegen eine Diskussion mit einem Jus-Studenten, der mich zum Islam konvertieren wollte und mehrmals von mir verlangte, dass ich mich unbedingt mit dem Islam auseinandersetze. Doch das sollte eine Ausnahme bleiben. Als ich dann mein erstes Taxi im Iran nahm, wollte der Fahrer selbst nach dreimaliger Aufforderung kein Geld von mir akzeptieren. Obwohl der Tourismus in Tabriz sicherlich zunimmt, gibt es noch immer relativ wenige Touristen in dieser Stadt. Umso ausgefallener und interessanter sind die Ausländer, die man dort so trifft. Darunter war beispielsweise ein Schweizer Journalist, der jedes Jahr für fünf Monate vereist und bereits zum dritten Mal im Iran war. Im einfachen Hotel traf ich auch auf zwei junge Frauen, die beide alleine im Iran unterwegs waren und in abgelegenen Dörfern eher unangenehme Erfahrungen mit Männern und ihren Blicken gemacht hatten.

Am Nachmittag nachdem ich Tabriz verliess, es war gerade Freitag, also der Ruhetag im Iran, hatte ich plötzlich einen älteren Fahrradfahrer neben mir, der mir mit einem Wink zu verstehen gab, dass ich ihm folgen solle. Schon während des ganzen Tages habe ich immer wieder Iraner beim Picknicken im Grünen beobachtet, weshalb ich gespannt war, ob ich vielleicht gerade auch zu einem solchen Picknick eingeladen werde. Über immer kleinere Strasse erreichten wir irgendwann einen Garten. Der Mann führte mich dann umher und gab mir einige Früchte der Bäume zum Essen. Irgendwann sassen wir dann im Garten und ich wusste nicht so recht, was folgen würde, als er mir mit einigen Gesten klar machte, dass seine Frau bald eintreffen würde. Und so war es dann auch: Kurz darauf traf seine Frau, ihre Mutter und einige Freunde ein. Eine Wassermelone wurde aufgeschnitten, Süssigkeiten herumgereicht und Tee eingeschenkt. Als mich der Mann fragte, wo ich übernachten werde, habe ich ihm mit einigen Handbewegungen erklärt, dass ich campieren werde. Da forderte er mich auf, dass ich ihm folgen solle. Ich war etwas verwirrt und verstand nicht wirklich wieso, denn der Abend war noch jung und der Garten hätte sich für Camping geeignet, aber der Mann war nicht mehr aufzuhalten. So führte er mich zu einer Wiese, auf dem bereits ein Zelt stand. Allerdings wollte er nicht etwa, dass ich hier campiere, sondern nur dass ich mich kurz im Bach wasche und meine Wasserflasche auffülle. Das mit der Wasserflasche liess ich dann aber sein, was er nicht wirklich verstand. Darauf wollte er mich zu einem Hotel bringen, was ich aber ablehnte. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, ging ich auf eine Familie zu und versuchte herauszufinden, ob es in Ordnung ist, wenn ich hier für eine Nacht campiere. Der Vater zeigte mir darauf einen Platz, wo es besonders flach war und so stellte ich mein Zelt und richtete mich ein. Dies sollte sich jedoch schon bald als grobes Missverständnis herausstellen. Kurz darauf erschien er wieder mit einer halben Wassermelone, die er mir vor das Zelt stellte. Weil mir etwas Gesellschaft gerade sehr willkommen war, fragte ich ihn dann, ob ich mich zu ihnen gesellen dürfe, was er bejahte. So wurde ich zu ihrem Picknick eingeladen und wir hatten einen netten Abend zusammen. Als es dann begann einzudunkeln, forderte er mich auf, mein Zelt wieder zusammenzupacken. Ich verstand nicht wirklich, was das sollte, denn wofür sollte ich mein Zelt aufstellen, wenn nicht um hier zu übernachten? Weil an diesem Ort niemand Englisch sprach und sie merkten, dass ich von dieser Idee überhaupt nicht begeistert war, riefen sie dann jemanden an, der ein paar Brocken Englisch sprach. "Wild dogs", hiess es am anderen Ende der Leitung - für mich also weder eine neue Situation noch ein Grund zu einem anderen Platz zu wechseln. So ging das dann einige Zeit hin und her bis ich doch noch eine Frau fand, die gut Englisch sprach. Ich hoffte schon, dass sich das Missverständnis endlich klären werde, wurde dann aber mit einem "This is Iran. You behave like a baby!" abgeschmettert. Die Familie liess nicht locker und so blieb mir nichts anderes übrig, als meine Luftmatratze, Schlafsack und Zelt im Scheinwerferlicht des Autos wieder zusammenzupacken. Darauf ging es mit einer Autoeskorte in einen Park der nächsten Stadt - und wenn wir es schon von Sicherheit haben: ihr Kind stand dabei natürlich unangeschnallt auf dem Hintersitz -, wo der Vater dann mit dem Parkwächter redete und mir schlussendlich sogar noch dabei behilflich war, mein Zelt wieder aufzustellen. Eigentlich war ich ziemlich genervt, aber gleichzeitig war mehr als offensichtlich, dass mein Reisekonzept schlicht nicht verstanden wurde und sie es nur gut mit mir meinten. Als mir der Wächter noch einen Tee zum Zelt brachte, verflog langsam auch mein Ärger und ich legte mich zur Ruhe hin.

Schon am Tag darauf wurde ich ein weiteres Mal vor den bösen Hunden gerettet! Ich war in einer Situation, wo ich mir eingestehen musste, dass ich nicht mehr rechtzeitig einen guten Schlafplatz finden würde und habe deshalb einen Bauern gefragt, ob er mir einen Platz empfehlen könne. Der Bauer führte mich dann auf seinem Motorrad tatsächlich zu einer Stelle, die jedoch nicht wirklich ideal war - was er auch selbst einsah. Ein Freund von ihm brachte mich dann zu einem kleinen Häuschen neben einem Feld und ich fragte mich schon, ob ich dort übernachten dürfe, als die Türe wieder geschlossen wurde. Denn inzwischen war ein weiterer Mann dazugestossen, der scheinbar eine noch bessere Idee hatte. Diesem folgte ich dann über Feldwege zu einem Dorf. Nach dem Erlebnis am Vorabend fragte ich mich langsam, auf was ich mich wohl heute einliess, denn das Ganze machte einen ziemlich chaotischen Eindruck. Irgendwann kamen wir dann bei einem ummauerten Werkhof an, der auch ein kleines Häuschen mit einer Küche umfasste. Sia, der Besitzer des Grundstücks, führte mich dann durch den Hof und zeigte mir, wie sie dort auf einfachste Weise Rohrverbindungselemente herstellten. Anschliessend gingen wir zurück zum Häuschen, bei dem kurz darauf einige Freunde eintrafen. Auf einer gehobenen Ebene assen wir zusammen ein einfaches Abendessen. Dazu lief im Hintergrund der Fernseher, bei dem für mich ein englischer Sender eingestellt wurde. Mit einem etwa gleichaltrigen Iraner verstand ich mich besonders gut und nachdem wir eine längere Google Translate Diskussion hatten, verschwand er und kam kurz darauf mit einer grossen Portion Eis für mich zurück. Doch die Überraschung des Abend sollte erst noch folgen. Denn plötzlich führte mich Sia nochmals in die Werkstatt, wo er mir seine Schnapsbrennerei vorführte. Muss ich erwähnen, dass das im Iran strafbar ist? Das kümmerte die Runde aber kaum und so tranken wir reichlich mit Cola verdünnten Schnaps.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich in Bijar, einer kleinen Stadt in Kurdistan auf dem Weg nach Hamadan. Kurz nachdem ich die Stadt verliess, hielt mal wieder ein Auto neben mir. Nach den üblichen Fragen meinte der Mann auf dem Beifahrersitz, seine Mutter habe ich ihm gerade gesagt, dass ich bei ihnen übernachten könne. Weil ich am nächsten Abend in Hamadan sein wollte und es erst Nachmittag war, lehnte ich das Angebot jedoch ab. So blieb es vorerst bei einem Foto und der Frage nach meinem Linkedin-Account. Etwa eine halbe Stunde später hatte ich plötzlich dasselbe Auto wieder neben mir. Ob ich wirklich nicht bei ihnen übernachten wolle? Die beiden Brüder sind also tatsächlich gute zehn Kilometer gefahren um mich nochmals einzuladen. Das konnte ich ja wohl nicht ablehnen, oder? Ich wollte schon vorschlagen, dass sie mir die Adresse geben sollen und wir uns dann später dort treffen, als Aliasghar meinte, dass er beim Bauernhof in der Nähe fragen wolle, ob ich mein Fahrrad über Nacht dort parkieren könne. Ich solle ihm aber ja nicht folgen, denn dort habe es Hunde! (Weshalb habe ich bloss das Gefühl, dass die Iraner Angst vor Hunden haben?) Als es auf dem Bauernhof nicht klappte, versuchte er es noch bei einer Baracke einer Baustelle, wo wir dann auch mein Fahrrad lassen konnten. Wieder in Bijar durfte ich die Dusche verwenden, meine Kleider wurden gewaschen und Früchte sowie Süssigkeiten wurden serviert. Aliasghar erzählte mir von seinem Leben, seinen Träumen und fragte mich ausgiebig zur Schweiz und Europa aus. Etwa: Weshalb wir auf dem WC in Europa kein Wasser haben. Das sei doch klar sauberer als Papier, oder? :-) Aliasghar ist ein Ingenieur auf einer Bohrplattform im Persischen Golf, wo sich das grösste Gasfeld der Welt befindet. Noch am selben Abend würde er einen Nachtzug nach Teheran nehmen und dann am Morgen dorthin fliegen, wo er dann die nächsten zwei Wochen verbringen würde. Allerdings liess er mich wissen, dass sein Job nicht wirklich gut bezahlt sei, weshalb ihn auch seine Freundin verlassen habe. Die Jugendarbeitslosigkeit im Iran sei wegen den Sanktionen und auch einem von der Regierung geförderten Babyboom während des Iran-Irak-Krieg sehr hoch, was stark auf die Löhne drücke. Das sei auch ein Grund für ihn, weshalb er gerne nach Deutschland studieren gehen würde, aber dafür fehle ihm halt das Geld. Dreimal wurde ich aufgefordert, einen Apfel zu essen und weil es langsam spät wurde und ich mich schon fragte, ob es wohl dabei bleiben würde, liess ich die Aufforderung nicht unbeachtet. Doch dann wurde natürlich doch noch ein Essen aufgebodet (das Wort habe ich gerade erfunden) und ich bekam natürlich gleich die doppelte Portion, die ich mit Ach und Krach gerade noch essen konnte. Ich dachte schon, dass jetzt wirklich gar nichts mehr in mir Platz hat, als dann noch eine Wassermelone serviert wurde - und für den Radler natürlich wieder die doppelte Portion! "Satt" konnte meinen Zustand danach nicht mehr treffend beschreiben. Nach einem Frühstück, das aus dem typischen dünnen iranischen Brot und Honig bestand, fuhr mich dann sein Bruder am nächsten Morgen wieder zu der Baustelle zurück. Seither bekomme ich alle paar Tage einen Anruf von Aliasghar auf der Bohrplattform.

Die Freundlichkeit und Offenheit der Leute im Iran ist wirklich etwas besonders und passt so gar nicht zu dem Image, welches der Iran im Westen hat. Denn die Erlebnisse, die ich gerade beschrieb, sind nur eine kleine Auswahl von unzähligen Begegnungen und Einladungen: Hirten am Strassenrand luden mich ebenso zum Mittagessen ein wie ein Bauer zu einem Abendessen mit Wasserpfeife und Übernachtung, Tee wurde ausgeschenkt, Essen serviert, Rechnungen übernommen, Süssigkeiten und Esswaren für die Weiterfahrt mitgegeben. Einmal wurde mir gar die Fahrrad-Reparatur von einem zufällig anwesenden Kunden bezahlt und ich anschliessend zum Mittagessen eingeladen. In zwei Wochen Iran wurde ich öfters eingeladen, als auf der gesamten bisherigen Reise. Das westliche Image des Irans irrt aber nicht nur bei der Gastfreundschaft. Immer wieder habe ich Iraner getroffen, die in der Öffentlichkeit die Regierung als Diktatur verschimpften oder sich abschätzig über den Revolutionsführer Ayatollah Khomeini äusserten. Muss ich erwähnen, dass das im Iran strafbar ist? Ah, das hatten wir doch schon! Burkas habe ich bisher im Iran keine einzige gesehen. Man sieht ab und zu lediglich einige ältere Frauen, die das Kopftuch bis unter die Nase ziehen. Wesentlich populärer sind hingegen hingegen Schuhe mit Absätzen, stylische Sonnenbrillen und stark geschminkte Gesichter. Auffällig oft sieht man auch Frauen, deren Nase verbunden ist. Diese wurden aber nicht etwa verschlagen, sondern haben sich einer Nasenschönheitsoperation unterzogen und tragen den Verband dann oft unnötig lange als Statussymbol. Als ich einen Iraner auf Zwangsehen ansprach, schaute er mich verdutzt an und meinte, dass wir doch nicht etwa in Indien seien. Eine kurze Internetrecherche hat dann zwar ergeben, dass diese Praxis im Iran durchaus existiert, aber ich habe nicht den Eindruck, dass eine Mehrheit der Bevölkerung dies befürworten würde. Auch wenn Zuneigung in der Öffentlichkeit verboten ist, habe ich trotzdem ab und zu iranische Pärchen beim Händchenhalten oder Umarmungen erwischt. Interessant ist auch der Vergleich zur Türkei: Es gab keinen Tag in der Türkei, an dem ich nicht den Gebetsaufruf des Muezzins hörte - und dies selbst in abgelegensten Gebirgsregionen. Im Iran hingegen ist es die Ausnahme, dass ich den Gebetsaufruf überhaupt höre. Während die Türken sehr stolz auf ihr Land sind, trifft man im Iran mehrheitlich auf Leute, welche mit ihrem Land und der Regierung unzufrieden sind.

Trotz all diesen positiven Erlebnissen hatte ich im Iran das erste Mal auf dieser Reise eine Krise, wofür es so einige Gründe gibt. Die interessanten Orte im Iran liegen weit auseinander und somit verbrachte ich die meiste Zeit in öden Landschaften, die mich teilweise zwar an die Türkei erinnerten, aber bestenfalls ein Abbild davon waren. Ich traf zwar auch immer wieder auch auf Täler, die mit Flüssen und Bäumen durchzogen waren, aber leere Steppen sind halt doch die Regel. Doch auch die Städte versprechen etwas gar viel. Hamadan soll eine der ältesten Städte der Welt sein, ist aber kaum als das erkennbar. Isfahan gilt als eine der schönsten Städte der Welt, was aber bestenfalls auf einige wenige Sehenswürdigkeiten zutrifft. Diesbezüglich waren meine Erwartungen wohl etwas zu hoch. Vielleicht hätte ich nach Armenien auch mal eine längere Pause einlegen sollen, wollte aber nicht längere Zeit an Orten verweilen, die mich nicht wirklich interessieren. Doch der Hauptgrund hat vermutlich gar nichts mit Iran zu tun. In Tabriz entschied ich mich, dass ich nicht nach Teheran gehen und folglich auch kein Transitvisum für Turkmenistan beantragen werde. Der Grund dafür: Von sieben Leuten, die ich inzwischen getroffen habe und die ein Transitvisum beantragt hatten, haben gerade zwei das Visum erhalten. Natürlich hätte ich trotzdem über Teheran reisen und mein Glück versuchen können. Doch Teheran hat nicht unbedingt einen guten Namen unter Touristen und erst recht nicht unter Radreisenden - der Verkehr dort soll mörderisch sein. Wenn ich über Teheran gereist wäre und dann nach weiteren zwei Wochen kurz vor der Grenze eine Absage erhalten hätte, hätte ich weder den interessanteren Süden gesehen noch Turkmenistan durchqueren können. So habe ich mich entschieden, ein Touristenvisum zu beantragen, wofür es eine bessere Chance gibt und ich auch nicht zu einer Botschaft gehen muss. Das Problem dabei: Damit habe ich auch die Idee aufgegeben, die komplette Strecke nach China zu fahren. Denn ich habe null Lust, mehrere Tage einem Auto mit einem Guide voraus- oder hinterherzufahren. Weil ich mich nun im Süden befinde, werde ich wohl auch im Iran auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen müssen. Das mag alles belanglos klingen. Doch nachdem ich mehr als 7000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt habe, ist es schon ein Rückschlag, wegen stupider Behördenwillkür ein Ideal aufzugeben.

Morgen mache ich mich auf die Weiterfahrt nach Yazd. Die bisherigen Steppen werden bald in eine Wüste übergehen und nachdem ich meine Erwartungen korrigiert haben, bin ich gespannt, wie mir die nächsten knapp zwei Wochen im Iran gefallen werden. Etwas Bauchschmerzen macht mir Turkmenistan weiterhin. Weil sich die Abklärungen in die Länge gezogen haben (i bi ne Laueri), werde ich einen ziemlichen Stunt hinlegen müssen, falls ich das Visum nicht bekomme. Nun, hoffen wir mal das Beste. Vorerst dürften die hohen Temperaturen Herausforderung genug sein.

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