Hallo Turkmenbashi!

Man­no­mann, dieses Land hat mir echt Nerven geraubt. Die Vorgeschichte sollte inzwischen bekannt sein: Weil ich weder in Istanbul noch in Yerevan ein Transitvisum beantragen konnte und ich nicht über Teheran reisen wollte, nur um dann kurz vor der Grenze zu Turkmenistan eine Absage zu erhalten, habe ich mich schlussendlich entschieden, ein Touristenvisum zu beantragen. Das hat zwar geklappt, hatte aber einen hohen Preis. Erstens musste ich das Ideal aufgeben, die gesamte Strecke mit dem Fahrrad zu fahren, was mir ordentlich die Stimmung versaut hat. Zweitens wurde meine Freiheit massiv eingeschränkt - Kontakt mit der Lokalbevölkerung gab es beispielsweise keinen. Drittens hat mich die Geschichte heftig gekostet. Für das Geld, das ich in drei Tagen Turkmenistan ausgegeben habe, hätte ich auch zwei weitere Monate im Iran verbringen können.

So stand ich also mit dem Einladungsschreiben, das mir meine Reiseagentur organisiert hat, vor dem Passkontrollbüro im Grenzübergang nach Turkmenistan. Wie ich im Logbuch bei ersten Kontrolle gesehen hatte, war ich der erste Grenzgänger dieses Tages. Am Vortag waren es gerade mal 81 Leute, welche die Grenze überschritten hatten. Deshalb war es auch nicht weiter überraschend, dass das Passkontrollbüro noch nicht besetzt war. Ich wartete. Irgendwann kam dann ein Typ, der mir ein Visum in den Pass klebte und mich zur "Bank" zur Bezahlung schickte. Die Frau in der "Bank" trug eine Art Turbankopftuch mit einem langen, farbigen Kleid, wie man es in Turkmenistan sehr häufig sieht. Meine 100$-Note, die ich zuvor aus übrigen Rials auf der Strasse getauscht hatte, schien in Ordnung. Das Rückgeld kam dann in einem Bündel, der grösstenteils aus Eindollarscheinen bestand. Mit einer Bestätigung ging es zurück zum Passkontrollbüro, das inzwischen natürlich wieder leer war. Irgendwann hatte ich dann aber meinen Pass wieder in den Händen und durfte zum Zoll fortschreiten, wo das Gepäck durch einen Röntgenscanner ging. Als ich dann drei mal gefragt wurde, ob ich Waffen dabei habe und verschiedenste Taschen einer manuellen Inspektion unterzogen wurden, musste ich mich jedoch fragen, was der Scanner wohl taugt. Meine Medikamente wurden akribisch untersucht und die letzten 700 Fotos aus dem Iran wollte ein anderer Beamter auch zu Gesicht bekommen. Die Hupe wurde auch mal wieder getestet und nachdem geklärt war, wo denn bei meinem Fahrrad der Dynamo ist, durfte ich Turkmenistan betreten und wurde sogleich von meinem Fahrer in Empfang genommen. Weil ich gesehen hatte, dass es bis Ashgabat 1500 Höhenmeter den Berg runter geht, fragte ich ihn sogleich, ob ich ihm mit dem Velo vorausfahren könne, worauf es natürlich hiess: forbidden. Zuvor wurde mir schon zu verstehen gegeben, dass ich bis Ashgabat keine Fotos machen dürfe. Ach die Turkmenen, die scheinen Verbote zu lieben.

Kurz nachdem ich im Hotel ankam, die Strecke dorthin wäre wirklich eine tolle Abfahrt gewesen, lernte ich das nächste Verbot kennen: Keine Fotos vom Palast, jeglichen Regierungsgebäuden und Banken. Leute fotografiere ich zudem besser auch keine. Wie ich später herausfand, gilt das auch für jeden weiteren Ort, wo jemand in Uniform auf dem Foto landen könnte - also fast überall, wo es etwas interessantes zu sehen gäbe, denn Militär ist in Ashgabat wirklich omnipräsent. Doch bevor ich die Stadt besichtigen durfte, hiess es erstmals die Rechnung zu begleichen. Weil ich nicht genügend Bargeld hatte und Überweisungen nicht akzeptiert wurden, ging es zuerst mal mit einem Taxi, beziehungsweise einem gewöhnlichen Auto, dessen Besitzer sein Einkommen aufzubessern versuchte, durch die ganze Stadt zur einzigen Bank, wo man aus Ausländer Geld abheben kann. Von aussen machte dieses Gebäude einen imposanten Eindruck. Im Inneren war es dafür umso chaotischer. Vor mehr als 30 Schaltern standen Leute in Gruppen (Schlangen konnte man das nicht nennen). Hinter den Schaltern türmten sich Ordner. Wer sich jetzt denkt, dass wir einfach zu einem Bankomaten gingen und damit die Sache erledigt war, irrt genauso wie ich - denn das Gebäude würden wir für etwa eine Stunde nicht mehr verlassen. Zuerst musste mal abgeklärt werden, ob meine Postkarte akzeptiert wird. Daran habe ich zwar nicht wirklich geglaubt, aber wenn sich der Aufschlag der Kreditkarte hätte vermeiden lassen, wäre mir das willkommen gewesen. Als das nach drei Schaltern geklärt war, musste mein Pass kopiert werden. Dann ging es wieder zum ersten Schalter, wo ich den Betrag nennen durfte. Anstatt dann einfach das Geld zu erhalten, wechselten wir mal wieder den Schalter, wo ich auf drei Blättern sechs Unterschriften lassen durfte. Und wer hätte es gedacht, das Geld durften wir dann beim letzten Schalter dieses Tages abholen.

Falls ich auf den Gedanken gekommen wäre, dass mir die Reiseagentur oder das Hotel eine Karte mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten offeriert hätte, wäre ich leider enttäuscht worden. Mit ein paar mageren Tipps fuhr ich dann mit dem Fahrrad durch die Hauptstadt Turkmenistans. Ashgabat ist eine hochmoderne Stadt, die mit all den weissen Marmorpalästen und Gebäuden völlig surreal wirkt. Irgendwie wie Las Vegas, einfach mit viel Militär und goldenen Statuen des verstorbenen Präsidenten Turkmenbashi, der sich durch viel Bescheidenheit auszeichnete: "Ich bin ja persönlich dagegen meine Fotos und Statuen in der Strasse zu sehen - aber das ist halt einfach was die Leute wollen", soll er mal gesagt haben. Die pompöseste dieser Statuen steht dabei auf einer 75 meterhohen raketenähnlichen Plattform und hat sich, bevor sie nach seinem Tod aus dem Zentrum versetzt wurde, immer schön der Sonne ausgerichtet. Zuerst habe ich mich über den Namen "Monument of Neutrality" gewundert, habe dann aber herausgefunden, dass er sich dieses Denkmal gesetzt hatte, nachdem er das Land als neutral erklärte. Da könnten wir Schweizer doch gleich noch etwas lernen! Abgesehen von solchen Statuen hat Turkmenbashi auch eine Stadt am Meer nach sich umbenannt, das Wort für Brot mit dem Namen seiner Mutter ersetzt, Bärte verboten oder Hunde aus Ashgabat verbannt - denn diese stinken ja! Wer sich an weiteren Absurditäten dieses Mannes erfreuen will, sollte in diesem Artikel fündig werden. Nach einem Monat im Iran war ich in Ashgabat auch überrascht von all den modernen Autos und der äusserst farbenfrohen Kleidung der Frauen, die zudem oft kleine Hütchen anstatt eines Kopftuches trugen. Gleichzeitig sah ich auch erstmals viele Frauen, die vollverschleiert waren. Das schien jedoch mehr mit ihrer Arbeit als Schutz gegen den Staub und die Sonne als mit Religion zu tun zu haben, weshalb die Tücher auch nicht schwarz sondern weiss oder farbig waren.

Am nächsten Tag ging es dann mit einem anderen Auto nach Mary. Auf der rechten Seite das Gebirge, welches mit dem Iran die Grenze bildet. Auf der linken Seite eine Steppe bis zum Horizont. Immer wieder kamen wir bei Polizeikontrollen vorbei oder sahen Autos, die von Polizisten angehalten wurden. In Mary stand dann folgender Programmpunkt an: "City tour Mary + Old Merv". Das heisst jetzt aber nicht etwa, dass ich irgendetwas über den Ort gelernt hätte. Stattdessen wurde ich von meinem Fahrer durch die Stadt kutschiert, die er mit "Bank, bank, old building…" kommentierte. Kein Witz! Später wurde ich dann bei ein paar alten Gebäuden abgeladen, ohne etwas über diese zu erfahren. Im Viersternehotel war die Dusche so dreckig wie in keiner anderen Unterkunft zuvor und als ich mich zum Schlaf hinlegte, spürte ich jede Bettfeder.

Der letzte Tag verlief bis an der Grenze ereignislos. Dem Grenzwächter wurde nach 400 Fotos aus dem Iran langweilig und fragte mich, ob ich denn keine Fotos von Turkmenistan gemacht habe. Als ich ihm diese dann zeigte, war er nicht sonderlich erfreut über das Foto von der Turkmenbashi-Statue mit einer Taube auf dem Kopf. Die Situation war mal wieder so urkomisch, dass ich mir das Lachen nur knapp verkneifen konnte. Obwohl ich bereits vorher gefragt wurde, ob ich Fotos auf meinem Laptop habe und ich damit antwortete, dass es dieselben wie auf der Kamera seien, gab er sich damit zufrieden, dass ich das Foto auf meiner Kamera löschte. Die Unterhosen, die ich im Hotel noch kurz gewaschen und hinten auf dem Fahrrad zum Trocknen befestigt hatte, waren den Grenzbeamten auch nicht genehm und mussten ordentlich verstaut werden. Wo kämen wir auch hin, wenn alle ihre Unterhosen in der Öffentlichkeit trocknen würden! Nachdem ich von einem letzten Soldaten kontrolliert wurde, wurde das Tor geöffnet und ich in den nächsten Polizeistaat entlassen.

Turkmenistan ist ohne Frage das absurdeste Land, das ich je besucht habe. Das Nordkorea von Zentralasien. Die Art, wie ich es bereiste, hat mir zwar überhaupt nicht gefallen, aber ein Erlebnis der besonderen Art war es auf jeden Fall. Im Nachhinein hätte ich wohl besser alles auf eine Karte gesetzt und ein Transitvisum beantragt. Denn nachdem ich den Prozess für das Touristen-Visum gestartet hatte, habe ich im Iran noch so einige Leute getroffen, die schlussendlich das Transitvisum erhalten haben.

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