Vergangener Reichtum

Usbekistan war ein Land, über das ich bei der Einreise kaum etwas wusste. Was ich jedoch wusste, war, dass die Grenzbeamten kompliziert sein können. Deshalb hatte ich meine Apotheke am Vorabend nochmals genaustens auf illegale Substanzen untersucht. Ich hatte jedoch Glück und musste weder meine Medikamente noch meine Fotos vorführen. Nach der Grenze ging es zuerst entlang von Feldern, auf denen wohl Baumwolle wuchs. Oft machte das Land aber auch einen sehr steppenhaften Eindruck und ich fragte mich, ob die Felder mit Wasser aus den Flüssen bewässert wird, die in den Aralsee münden und somit zur Austrocknung des Sees beitragen. Als es Abend wurde, war ich mal wieder in einer Gegend, die sich nicht wirklich für wildes Camping eignete: flache Ebene, keine Verstecke, weit gezogene Dörfer. So fragte ich einen Mann, der gerade in einer Autogarage arbeitete, ob ich irgendwo in der Gegend campieren dürfe. Dieser brachte mich hinter ein Haus, wo er mich etwas verdutzt stehen liess. Kurz darauf traf ich auf seine Frau Ferora, die mich herzhaft begrüsste und mich als Gast willkommen hiess. Ich war mal wieder überrascht, wie selbstverständlich es für Leute sein kann, einen unbekannten Reisenden einzuladen. Sogleich wurde mir der Hof mit den Kühen und dem Gewächshaus gezeigt und mir einige frisch gepflückte Aprikosen angeboten. Kurze Zeit später assen wir auf dem Taptschan, der erhöhten Sitzfläche vor dem Haus, das Abendessen. Ferora und ihre Tochter Bibisora fragten mich dabei mit einem Sprachführer aus und zeigten mir Fotos der Familie und von anderen Radfahrern, die ein paar Jahre zuvor bei ihnen übernachtet hatten. Drei junge Katzen tobten sich um uns herum aus und wenn sich mal wieder eine an das Essen wagte, wurde sie grob zurechtgewiesen. Kurz darauf fuhren wir alle zusammen zu der Schule, bei der ihre jüngste Tochter in einem Sommerlager war. Die Kinder waren gerade am Tanzen und wenige Minuten später durfte auch der Tourist sein Können in der Mitte des Kreises vorführen. Nachdem ich einige Parolen, die mir, obwohl ich kaum ein Wort Usbekisch spreche, doch sehr patriotisch schienen, nachgerufen hatte (die Erwachsenen fanden das mindestens so amüsant wie die Kinder), wurde ich vom Schuldirektor begrüsst, der mir voller Stolz die Sportanlage zeigte. So kam es dann zum Länderspiel Schweiz - Usbekistan, das die Eidgenossen wohl oder übel verloren. Das hat den Direktor aber nicht daran gehindert, mir den Ball schenken zu wollen. Bevor wir wieder ins Auto stiegen, wurde für mich noch der Springbrunnen angelassen und davor einige Fotos geschossen. Als ich mich wenig später draussen mit Bachlawon, dem Vater der Familie, auf dem Taptschan zum Schlaf niederlegte, fühlte ich mich so wohl wie schon lange nicht mehr. Turkmenistan war geschafft. All die religiösen Regeln des Irans, wo man sich nie sicher sein kann, ob man die jetzt einhalten muss oder nicht, waren hier kein Thema mehr. Ich hatte gerade eine der freundlichsten Familien meiner Reise kennengelernt. Die Welt war wieder in Ordnung.

Am nächsten Tag erreichte ich Bukhara, eine wirklich schöne Stadt auf der Seidenstrasse mit einer total angenehmen Atmosphäre. Für zweieinhalb Franken bekam ich dort eine zweistündige Privatführung durch verschiedene Museen, bei denen ich all meine Fragen über Usbekistan loswerden konnte. Für ungefähr denselben Betrag genoss ich ein Abendessen mit einem polnischen Paar. Weil mir die wenigen Som, die aus den übrigen turkmenischen Manats gewechselt hatte, bald knapp wurden, musste ich schon bald Geld wechseln gehen. Das Besondere dabei: In Usbekistan wechseln so ziemlich alle ihr Geld auf dem Schwarzmarkt. Der Grund dafür: Dort bekommt man ungefähr das Doppelte für seine Dollars, weil die Regierung an einem völlig willkürlichen Wechselkurs festhält. Den Schwarzmarkt muss man sich jetzt aber nicht etwa als dunkle Gässchen vorstellen, in denen man von unangenehmen Gestalten angesprochen wird. Nein, der Schwarzmarkt befindet sich genauso in deinem Hotel wie entlang der Hauptstrasse oder beim Eingang eines Museums. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Wird man von der Polizei erwischt, dann verlässt man ungefragt das Land. Dieses Pech sollte ich jedoch nicht haben. Was das Geld angeht, hat Usbekistan noch ein paar weitere Merkwürdigkeiten vorzuweisen. Erst seit kurzem gibt es die 10'000-Noten, welche jedoch auf dem Schwarzmarkt kaum mehr als einen Franken wert sind. Weit häufiger sind die 1'000-Noten, die man auch sofort angedreht bekommt, wenn man nicht auf grosse Scheine beharrt. Selbst bei den tiefen Preisen kommt es deshalb öfters vor, dass man mit einem ganzen Bündel von Noten bezahlen muss.

Anstatt auf der Hauptstrasse nach Samarkand weiterzufahren, entschied ich mich mal wieder auf eine kleinere Strasse auszuweichen. Nach einer Teepause mit einem Englischlehrer, dem ich erklären musste, dass auch in der Schweiz die wenigsten Leute 24'000 Dollar im Monat verdienen und ich leider nicht wisse, wie er ein Arbeitsvisum für Europa beantragen kann, liess ich das letzte Dorf hinter mir und war das erste Mal seit langem völlig alleine unterwegs. Erst am Abend traf ich wieder auf ein Dorf, das aber auf meiner Karte gar nicht eingezeichnet war. Dort hatte ich plötzlich einen Fahrradfahrer neben mir, der auf seinem Gepäckträger jede Menge Grünzeug aufgeladen hatte. Entgegen meiner Erwartung sprach dieser sogar ziemlich gut Englisch, was für ein so abgelegenes Dorf doch eher ungewöhnlich ist. Er führte mich erst zu einem kleinen Laden und lud mich darauf zu sich nach Hause ein. Das Grünzeug wurde dort seiner Kuh verfüttert, welche die Grossfamilie mit Milch versorgt. Das Joghurt, welches daraus für den Eigengebrauch hergestellt wird, schmeckte gar nicht mal so schlecht. Sirogh erzählte mir viel von dem Leben in Usbekistan. Er arbeite auf einer Hühnerfarm, wo sie arabische Kunden haben, weshalb er so gut Englisch spreche. Sein Lohn betrage 120 Dollar im Monat, womit er aber zufrieden sei, denn andere verdienen gerade mal 80 Dollar. Ein sehr guter Lohn läge hingegen bei 1000 Dollar. Weil es an Arbeit fehle, gehen viele junge Männer temporär nach Russland arbeiten. Er habe mit 23 Jahren geheiratet und lebt mit seiner Frau und seinen Kindern, die wegen der Hitze alle einen Kurzhaarschnitt hatten, bei seinen Eltern. Auf die Frage, wie oft man hier eigentlich so duscht, meinte er, dass die meisten etwa alle fünf Tage duschen. Dafür werde ein Eimer mit Wasser aufgewärmt. Wer hingegen auf dem Feld arbeitet, wasche sich jeden zweiten Tag. Am Abend putze er sich die Zähne mit Salz, am Morgen mit Zahnpasta. Die Mahlzeit beendeten wir mit je zwei Teeschalen Wodka.

Zurück auf der Hauptstrasse traf ich auf Kai, der gerade von Hamburg nach Schanghai läuft, um Vorurteile abzubauen. Dafür bekommt er täglich drei Minuten im Fernsehen um von seinen Erfahrungen zu berichten. Normalerweise läuft er 60 bis 80 Kilometer pro Tag und legt lediglich alle neun Tage eine Pause ein. Damit der Körper das mitmacht, muss er auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen. Wem das noch nicht verrückt genug klingt: Seine Frau aus China und seinen eineinhalbjährigen Sohn liess er in Deutschland zurück, was natürlich zu einigen Problem führt. Live dabei war ich etwa, als sich seine Frau über das Smarthome beschwerte, das gerade die Heizung trotz Sommerhitze hochdrehte. Wir verbrachten den Abend und den nächsten Morgen zusammen, wobei ich neben Kai herfuhr, was genug Zeit war, um eine Vorstellung von seinem interessanten, wenn auch nicht unumstrittenen, Weltbild kennenzulernen.

Samarkand ist deutlich grösser und geschäftiger als Bukhara. Auch die Medressen und Mausolen sind imposanter, aber dafür fehlt der Stadt die gemütliche Atmosphäre, die mir in Bukhara so gefallen hat. Dafür traf ich in Samarkand endlich auch mal wieder auf Radfahrer, unter anderem auch Carsten, mit dem ich bereits seit einiger Zeit in Kontakt war und mit dem ich bis nach Duschanbe weiterfahren würde.

Bis an die Grenze Tadschikistans zeigte sich Usbekistan landschaftlich von seiner schöneren Seite. Anstatt durch Steppen ging es nun hauptsächlich über Berge, manchmal durch Canyons. An einem Tag windete es besonders stark. Als wir dann auf ausnahmsweise bester Strasse die Passhöhe erreichten, zeichnete sich schon ab, dass das eine besondere Abfahrt werden wird. Schon nach kurzer Zeit hatten wir ein solches Tempo, dass wir mit Leichtigkeit Autos und Lastwagen überholten. Wenn es die Strasse anbot, duckten wir uns so weit wie möglich, um noch zusätzlich zu beschleunigen: 80 km/h, 85 km/h, 90 km/h - dann begann das Fahrrad zu schleudern. Noch wenige Sekunden zuvor genoss ich das Gefühl, den Berg hinunterzufliegen - nun bekam ich es mit der Angst zu tun. Zuerst schien das Bremsen das Schleudern nur noch zu verstärken. Als ich dann das Fahrrad doch noch zum Stillstand bekam, zitterte ich. Es war einer dieser Momente, wo ich realisieren musste, wie schnell man sich in eine Gefahr begeben kann. Hätte ich etwas später zu bremsen begonnen, dann wäre es vielleicht zu spät gewesen. Unten angekommen hatten wir gerade noch genug Zeit, um in ein Restaurant zu verschwinden, bevor das Wetter dann richtig ungemütlich wurde und in einen kleinen Sandsturm überging.

An der Grenze gab es nochmals etwas Nervenkitzel: Eigentlich muss man sich in Usbekistan alle drei Tage in einem Hotel registrieren. Die Hotels stellen einem kleine Zettel aus, die an der Grenze kontrolliert werden. Weil ich nach Samarkand nicht mehr in einem Hotel übernachtet habe, fehlte mir nun ein solcher Zettel. Zudem hatte ich in Bukhara Geld abgehoben und wollte nun mehr Geld aus- als einführen, was verboten ist und mit Formularen kontrolliert wird. Deshalb entschied ich mich vor der Grenze, den grössten Teil meines Geldes im Lenker zu verstecken. Dem Zöllner war wohl gerade langweilig und hat sich mein Gepäck besonders gründlich unter die Lupe genommen. Nachdem sich dieses als harmlos herausgestellt hat (obwohl er Campinggasflasche nicht so richtig trauen wollte), sagte er irgendetwas zu meinem Fahrrad und ich befürchtete schon, dass er nun auch mein Fahrrad kontrollieren wolle, als er mich weiterwinkte. Die Registrierungszettel wurden glücklicherweise kaum angeschaut und so durfte ich Usbekistan ohne Busse oder andere Ärgernisse verlassen.

Obwohl auch Usbekistan ein Polizeistaat ist, man täglich an Checkpoints vorbeikommt und es viele Gesetze gibt, die einem als Ausländer ziemlich willkürlich vorkommen, fühlte ich mich in diesem Land trotzdem frei und wohl: Die Leute sind gastfreundlich wie im Iran. Im Gegensatz zum Iran wird die Religion jedoch nicht zum Gesetz erhoben. Gerade auch der Kontakt mit dem anderen Geschlecht ist viel entspannter. Zur guten Stimmung hat aber sicherlich auch beigetragen, dass Usbekistan das letzte Land war, das ich wegen dem Visum bis zu einem bestimmten Zeitpunkt betreten musste. Ab nun war ich nicht mehr an einen Zeitplan gebunden.

Dem einen oder anderen wird aufgefallen sein, dass ich bereits seit längerer Zeit nicht mehr in Usbekistan bin und ich mir sehr viel Zeit mit diesem Artikel gelassen habe. Jop, so isch es. Eigentlich hätte ich auch noch viel mehr von meiner Zeit in Usbekistan zu erzählen gehabt. Nur hatte ich während mehr als einer Woche Magenprobleme, was ganz schön auf die Motivation gedrückt hat. Ich bin noch immer nicht ganz fit, aber langsam kommt es wieder. So werde ich morgen meine Reise durch das Wakhan-Tal fortsetzen.

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