Eine Reise geht zu Ende

Ausgestattet mit einer Atemschutzmaske verliess ich Xi'an und machte mich auf den den Weg nach Luoyang. Erst nach mehr als zwanzig Kilometer hatte ich das Gefühl, dass ich langsam wieder in der Natur angekommen war. Zu meiner rechten Seite befanden sich Tafelberge, zu meiner linken die Schienen der Hochgeschwindigkeitsbahn. Instinktiv wollte ich oft meine Brille putzen, musste dann aber feststellen, dass die schlechte Sicht ausnahmsweise nichts mit meiner Brille zu tun hat. Vorerst schien es zumindest noch Dunst und nicht Smog zu sein, sagte ich mir zumindest. Auf dem Land wurden mir oft lange Blicke nachgeworfen und mein Winken oder Nihau wurde lang nicht immer erwidert. Gleichzeitig traf ich aber auch immer wieder auf sehr freundliche Menschen, die mich mit einem warmen Lachen begrüssten oder mir eine Wasserflasche schenkten. Nicht selten hörte ich Feuerwerk und in den Dörfern war der Boden oft mit rotem Frauenfurz-Papier bedeckt. Was mir an diesen Dörfern mit Abstand am besten gefiel, waren die überdeckten Essstände. Gross Auswahl gab es dort zwar nie, aber dafür kann man mit ein paar Handzeichen verdeutlichten, was man denn gerne hätte, mit 5-8 Yuan war das Essen dort spottbillig und meist trotzdem äusserst gut. In Restaurants gab es hingegen zuerst meist Verständigungsprobleme. Während man in touristischen Orten englische oder bebilderte Speisekarten findet, sind diese auf dem Land nur in Chinesisch gehalten. Wenn ich mit dem Übersetzungsapp um eine Empfehlung bat, kam nur selten eine hilfreiche Antwort und so wich ich etwas zu oft auf Nudeln aus. Wobei man auch sagen muss, dass die Nudeln in jeder Ortschaft wieder anders daherkommen und deshalb nicht wirklich verleiden. Als ich mal wieder einen Platten flickte, war ich bereits nach wenigen Minuten von einer Gruppe Leute umgeben, die es hochspannend fand, dem komischen Typen bei der unerwünschten Arbeit zuzuschauen. Als ich dann fertig war, konnte ich mir den Spass nicht verkneifen und verbeugte mich, wie es zu jeder guten Vorstellung gehört :-)

Die ersten Tage befand ich mich hauptsächlich auf grösseren Strassen. Dort fühlte ich mich zwar nicht unsicher, aber der Verkehr kann schon ziemlich auf die Nerven gehen. Die Lastwagen, fast ausschliesslich rote, machen zwar meist einen weiten Bogen um dich herum. Viele Strassen haben zudem einen Pannenstreifen. Das hält die Fahrer jedoch nicht davon ab, dir die Ohren vollzuhupen. Besonders schlimm sind dabei die Busse, deren Hupen schlicht zu laut sind. Das Gehupe erinnerte mich etwas an einen Fahrradfahrer in Tadschikistan, der wohl als einziger in seinem Dorf eine Klingel hatte und diese jedem Dorfbewohner vorführen musste. Die Chinesen sind nicht viel besser: Manchmal war ich auf einer übersichtlichen Strasse auf dem Pannenstreifen unterwegs und obwohl es an Gegenverkehr fehlte, hatten die Fahrer das Gefühl, dass sie mich auf ihre Gegenwart aufmerksam machen müssten. Hup hup! So war ich nicht unglücklich, als es endlich auf kleineren Strassen durch hügeliges Terrain und vorbei an vielen einfachen Dörfern ging. Die Häuser befanden sich oft entlang von Erdhängen, die von betürten Höhlen gespickt waren. Ein typisches Haus war zudem von einer Mauer umgeben und über dem Tor hängte ein Gemälde von schönen Landschaften mit Tieren.

Zuerst war ich positiv überrascht, wie einfach es in Westchina ist, gute Plätze für wildes Camping zu finden. Denn irgendwo habe ich mal gelesen, dass selbst eingeschworene Wildcamper in China oft auf Hotels zurückgreifen. Zu viele Leute und so. Hättest du mich also nach den ersten Nächten gefragt, wie ich das sehe, hätte ich dem widersprochen. Doch dann war da diese Nacht, die meine Meinung etwas änderte. Es begann eigentlich ganz normal: Kurz vor der Dämmerung verliess ich die Strasse und fuhr auf einem kleinen Weg Feldern entlang. Auf der rechten Seite sah ich ein unbewohntes Gebäude und ich hatte die Vermutung, dass sich dahinter im Gelände ein guter Platz finden lassen sollte. So sollte es dann auch sein und ich stellte wie gewohnt mein Zelt auf. Es war bereits dunkel, als plötzlich ein Licht über mein Zelt huschte. Die Strasse war weit entfernt und so konnte ich ausschliessen, dass es sich dabei um ein Auto handelte. Ich entschied mich, einige Mückenstiche in Kauf zu nehmen und dem Licht auf den Grund zu gehen. Am Hang hinter meinem Zelt sah ich eine Person mit Stirnlampe, die scheinbar ziellos umherirrte. Irgendwann verschwand das Licht und ich wollte schon zurück ins Zelt gehen, als es einige Meter vor mir wieder auftauchte. Als mich der Mann bemerkte, erschrak er zuerst mal lautstark. Wir standen uns wenige Meter gegenüber und blendeten uns gegenseitig mit unseren Stirnlampen. Nach wenigen Sekunden entschieden wir uns beide, dass keinerlei Gefahr besteht. Der Mann sagte was auf Chinesisch, ich erwiderte auf Englisch, worauf er sich in einem Satz vorstellte. Damit war die Konversation auch schon vorüber und kurz darauf ging der Mann weiter. Nun stand ich vor der Frage, ob ich mein Zelt abbrechen und einen neuen Platz suchen sollte. Spoiler: Ja, hätte ich sollen. Weil ich aber in China bereits Bauern mit Stirnlampen in Feldern habe arbeiten sehen und der Mann eine Flasche in der Hand hielt, die für mich nach Insektizid aussah und er mir einen harmlosen Eindruck machte, entschied ich mich zu bleiben - mal abgesehen davon, dass es generell kein Spass ist, in der Nacht das Zelt zu versetzen. So kam es, dass kurz nach Mitternacht mein Zelt mit Scheinwerferlicht geflutet wurde. Eine Gruppe von etwa zehn Leuten standen vor meinem Zelt und amüsierten sich darüber, dass ich keine Hosen anhatte. Der eine gab sich dann als Polizist zu erkennen. Mir wurde keine andere Wahl gelassen, als meine sieben Sachen zusammenzupacken und diese in ein Polizeiauto zu verladen. Dann fuhren wir los. Ich hatte absolut keine Ahnung, was mich erwarten würde. Verhör? Busse? Deportation? Das tragischste aber war, dass wir sogar in die falsche Richtung fuhren! Bei der Polizeistation angekommen, wurde mir ein Telefon in die Hand gedrückt. Zu meiner Überraschung wurde mir erklärt, dass ich mich als Ausländer nicht in diesem Bezirk aufhalten dürfte. Dass ich wild campiert habe, scheint die gar nicht interessiert zu haben. (Weshalb ich nicht von einem der unzähligen Polizeiautos angehalten wurde, als noch die Sonne schien, ist mir ein Rätsel.) So wurde entschieden, dass ich in die nächste Stadt gebracht werden würde. Doch zuvor musste ich noch ein Prozedere über mich ergehen lassen: Fotos wurden gemacht, von mir und dem Pass (und mal wieder dem Iran-Visum), mein Gepäck wurde durchsucht, die Bilder auf meinem Laptop begutachtet (nach ein paar hundert Bildern aus dem Iran ist der Frau aber die Lust dazu vergangen) und meine Speicherkarte aus der Kamera konfisziert. Damit war ich jedoch gar nicht einverstanden und nachdem ich erklärt hatte, dass das eine teure 64-GB-Karte sei, begnügte man sich damit, die Karte zu formatieren. Scheinbar ist diesen Polizisten noch nicht zu Ohren gekommen, dass Informatiker keine Probleme damit haben, gelöschte Bilder wieder herzustellen. Nachdem diese Formalitäten erledigt waren, änderte sich die Stimmung schlagartig: Ein Polizist wollte ein Foto von mir machen (gelächelt habe ich nicht), ein anderer hat mich als mutig bezeichnet, dass ich ganz alleine campiert hatte und während der Fahrt nach Luoyang hatte ich mit dem Fahrer einen längeren Austausch mit einem Übersetzungsapp. Dabei bedauerte er es, dass ich nicht das soziale Netzwerk QQ verwende und wir deshalb nicht Freunde bleiben können. Kein Witz! Kaum hatten wir die Stadtgrenze überschritten, wurde ich abgeladen. Busse musste ich keine bezahlen - und das obwohl mich ein Taxi für diese Distanz ordentlich gekostet hätte. So war ich also um zwei Uhr früh in Luoyang. Stille herrschte und die meisten Wolkenkratzer waren unbeleuchtet, was zur seltsamen Atmosphäre beitrug. Das Hotel, das laut Polizisten einen Kilometer entfernt hätte sein sollen, fand ich nicht. Die nächsten zwei Hotels, die in meinem Kartenapp eingezeichnet waren, existierten nicht mehr. Ich fragte mich kurz, ob ich mein Zelt im Park aufstellen sollte, entschied mich dann aber dagegen - wozu das plötzliche Geschrei eines Mannes sicherlich beitrug. Das dritte Hotel stellte sich als Luxushotel heraus. Um drei Uhr morgens fand ich dann aber doch noch eine Unterkunft. Als ich dann die Zimmertür öffnete, fiel die Visitenkarte eines Call-Girl-Dienstes auf den Boden, den mein Zimmernachbar offensichtlich gerade nutzte. Anstatt einfach ins Bett zu fallen - noch war dieses irre Erlebnis zu frisch - starte ich den Fotowiederherstellungsprozess und war einfach froh, dass die Sache so glimpflich verlaufen ist.

In Luoyang besichtigte ich die Longmen Grotten, welche beeindruckende buddhistische Statuen beherbergen, gönnte mir mal wieder einen faulen Tag und irrte in der Stadt herum. Die gegrillten Skorpione liess ich links liegen und machte mich stattdessen hinter eine Riesenglace in einer frisch gebackenen Waffel. Ausserhalb der Stadtmauer traf ich auf unzählige Gruppen, die in Pärken zu Musik aus portablen Lautsprechern tanzten. Solche Tänze würde ich noch in weiteren Städten beobachten können und machen echt eine gute Stimmung. Auf dem Weg in die sogenannte "Altstadt" - die Häuser waren bestimmt nicht älter als ein Jahrzehnt - sprach mich ein junger Chinese auf Englisch an. Dieser war total begeistert von meiner Reise und beklagte sich dann für eine lange Zeit darüber, dass ihm seine Eltern als einzigen Sohn nicht erlauben, im Ausland zu reisen. Ich sei der erste Ausländer, mit dem er sein Englisch üben könne. Er sei Musiklehrer, wolle aber eigentlich Opernsänger werden. Jedoch kann er in China nicht einfach irgendwo hinziehen, wo er dafür eine Chance haben würde, weil das von der Regierung reguliert werde. (Anmerkung: Andere Chinesen haben dem widersprochen, vielleicht habe ich das falsch verstanden). Am liebsten würde er jedoch sein Glück in Japan versuchen. Was mich an diesem Gespräch beeindruckte, ist, wie "westlich" es sich anfühlte. In vielen Ländern, die ich bereiste, hätten sich die Leute erst gar nicht solche Gedanken machen können. Bereits in Osteuropa bin ich auf Leute gestossen, welche die Motive meiner Reise nicht nachvollziehen konnten. Und jetzt, am anderen Ende Asiens, gibt es plötzlich junge Menschen, welche, ähnlich wie in Westeuropa, mit Selbstverwirklichung zu kämpfen haben. Das mag vielleicht banal klingen, aber wenn man gerade einige Monate in eher armen Ländern verbracht hat, fällt das auf. Geschichten wie diese zeigen mir, dass sich in China viele Leute in einem rasanten Tempo dem Westen annähern.

Auf der Suche nach Strassen mit weniger Verkehr verliess ich Luoyang in Richtung eines Gebirges. Beim Mittagessen versuchte mich die Restaurantbetreiberin jedoch von dieser Idee abzuhalten. Wieso konnte ich nicht wirklich nachvollziehen. Nach meiner Bekanntschaft mit der Polizei fragte ich mich, ob dieses Gebiet vielleicht für Touristen gesperrt ist. Weil ich jedoch, abgesehen von einer Autobahn mit kilometerlangen Tunnels oder einem grossen Umweg, keine Alternative mehr hatte, entschied ich mich, es einfach mal zu versuchen. Kurz darauf war die Strasse plötzlich wie ausgestorben und ich fuhr durch ein wunderschönes Tal. Das einzige Auto, das mich überholte, sah ich einige Minuten später wieder auf der Gegenfahrbahn. Was auch immer mich erwartete, weit konnte es nicht mehr sein. Und siehe da, nach einer Kurve war die Strasse plötzlich gesperrt - Baustelle mit Wächter. Ich wurde sogleich abgewiesen, probierte es dann aber trotzdem noch mit einer Runde Bittibätti. Entgegen meiner Erwartung winkte mich plötzlich ein Kollege des abweisfreudigen Wächters durch die Schranke, was ich mir natürlich nicht entgehen liess. Einige hundert Meter später war dann fertig mit Asphalt und so holperte ich über grobe Schottersteine weiter. Obwohl es durch dieses Gebirge bereits eine Autobahn gab und das die bisher schönste Strecke in China war, hatten die Behörden trotzdem das Gefühl, dass sie diese Strasse weiter begradigen müssen und waren deshalb an etlichen Stellen daran, Tunnels zu bauen oder Felswände durchzuschneiden. Schade um die schöne Natur. An diesem Tag war es so heiss wie schon lange nicht mehr. Das Thermometer zeigte 45 Grad. Im Gegensatz zur Wüste war die Luft jedoch feucht und ich schwitzte und tropfte wie blöd. Als die Schotterstrasse dann zu einer der steilsten Strassen meiner ganze Reise wurde, ging es einfach nicht mehr. Mir wurde es beinahe übel und ich hatte das das Gefühl, dass wenn ich jetzt noch weiterdrücke, ich wohl einfach zusammenklappen würde. Kurze Zeit nachdem ich mich auf den Boden gesetzt hatte, kamen zwei Bauarbeiter und halfen mir dabei, das Fahrrad den Hang hochzuschieben. Irgendwie ironisch nachdem ich die Berge Armeniens und Tadschikistans gemeistert habe, nicht?

Die folgenden Tage waren nicht besonders spektakulär. Nachdem ich voller Stolz und Motivation in Xi'an abgefahren war, setzte sich Ernüchterung ein. Ich hatte mal wieder Magenprobleme, ungefiltertem Wasser sei Dank, und mir passierten allerlei Missgeschicke: Schlüssel verloren, Smartphone fallen gelassen (kaputt), Brille verloren (wieder gefunden). Mein Dynamolader wollte nicht mehr so richtig und das Kameraobjektiv machte oft Probleme beim Fokussieren. Die Halterung des Rückspiegels war angebrochen und musste immer wieder justiert werden. Als mir das Smartphone kaputt ging, wurde mir so richtig bewusst, in was für einer Abhängigkeit ich mich eigentlich befand. Mir blieb nicht viel anderes übrig, als durch die Stadt zu irren und ein Reparaturgeschäft zu finden. Dieses konnte das Ding auch wieder zum Laufen bringen, aber seither funktioniert der Touchscreen nur noch bedingt: Pin eingeben? Funktioniert vielleicht bei jedem fünften Versuch. Karte bewegen oder zoomen? Versuch es besser gar nicht… Text eingeben? 49tai430gj. An diesen Tagen trug ich auch das erste Mal die Atemschutzmaske. Schon zuvor ist mir aufgefallen, dass beim Wetter-App unter dem Ortsnamen ab und zu "Unhealthy air quality for sensitive groups" stand. Nun fehlte der zweite Teil der Warnung öfters. So richtig schlimm fand ich die Luft zwar nie und ich hätte die Strecke sicherlich auch ohne fahren können, aber manchmal fühlte es sich im Hals einfach nicht besonders gut an. In Pingyao, einer der am besten erhaltenen Altstädte Chinas, wo ich eigentlich einen Pausentag einlegen wollte, war es mir viel zu touristisch. Auf dem Wutai Shan, einem Berg voller buddhistischer Tempel, der zwar auch völlig touristisch ist, gefiel es mir hingegen besser. Amüsant war etwa, als mir ein Mönch einen Apfel von einem Altar schenkte oder ich mit einem tibetischen Mönch ein Gespräch über Gott & die Welt hielt. Das religiöse Getue der chinesischen Touristen war hingegen ätzend.

Noch 4 Tage bis Peking: Ich befand mich mal wieder auf einer Strasse, die weiträumig abgesperrt war. Die Bauarbeiter störte es dabei nicht, dass ich neben ihnen über den frischen Teer flitzte. In Dörfern wurde gerade ein Fest gefeiert, bei dem sich einige Leute wie Indianer verkleideten. Die Musik dröhnte aus den Lautsprechern, das Feuerwerk knallte dazu. Ich fuhr durch eine Gegend, wo sich an beiden Strassenseiten über Kilometer nur Lastwagen-Werkstätte und riesige Tankstellen befanden. Eine Gruppe Mädchen machten ungefragt Fotos von mir - eine Alltäglichkeit hier - und als ich ihnen zuwinkte, kicherten sie, verschwanden in einem kleinen Laden und brachten mir zu meiner Überraschung eine Flasche Wasser. Ein Mann streichelte mir ungefragt über meinen haarigen Arm, zeigte darauf auf seinen haarlosen und lachte dazu. Ich traf, völlig überraschend, auf die Chinesische Mauer, was der Höhepunkt des Tages wurde. Übernachtet habe ich in einem "Hotel", wo ich inklusiv Abendessen gerade mal 4 Franken bezahlte.

Noch 3 Tage: Schöne Landschaften. Dank einer Baustelle war ich mal wieder fast alleine unterwegs. Die Mauer schlängelte sich den Hügeln entlang.

Noch 2 Tage: Nach dem Essen im Restaurant werde ich um ein Foto gebeten. Die Frau drückt sich dabei an mich, als ob ich ihr neuer Mann wäre. Anschliessend wollte sie natürlich auch noch ein Foto von mir und ihrem Mann und Sohn. Ich fuhr durch einen seltsamen Park. Als dann plötzlich Panzer neben mir vorbeibrausten, wusste ich, dass ich hier wohl gerade nicht sein sollte. Ich kam neben einem Tempel vorbei, von dem ein Stimmensummen ausging. Als ich näher hinschaute, kam dieses aus Plastiklautsprechern. Der Mönch, der gerade das Kloster verliess, wurde durch das Klingeln seines Smartphones unterbrochen. Als ich mich am Abend im Zelt hinlegen wollte, hörte ich ein Rascheln im Zelt. Ein Frosch! Draussen flogen die Leuchtkäfer. An diesem Tag hatte ich viel Höhe verloren und selbst nach dem Eindunkeln war es noch 30 Grad im Zelt. Obwohl ich nur meine Unterhosen anhatte, schwitzte ich bei jeder Bewegung.

Letzter Tag: Ich wachte früh zu einem Windstoss auf. Bald gingen die Dörfer in die Vorstadt über. Anders als bei Istanbul, der bisher grössten Stadt, musste ich nicht plötzlich um meinen Platz kämpfen. Stattdessen hatte ich zuerst einen weiten Pannenstreifen zur Verfügung, den ich schon vor dem Zentrum für einen Radweg verlassen konnte. Ungewöhnlich war nur, dass dieser immer wieder abrupt endete, wenn sich die Autospuren als Brücke über eine andere Strasse begaben. Einmal befand ich mich auf einer Brücke, musste aber irgendwie auf die Strasse darunter gelangen, wofür es jedoch keinen offensichtlichen Weg gab. Schlussendlich fuhr ich durch einen völlig verschissenen (wortwörtlich) Trampelpfad durch einen kleinen Park zur anderen Strasse. Was mich bei der Einfahrt fast am meisten überraschte, war, dass ich noch immer auf unmotorisierte Dreiräder traf.

Im Hostel angekommen war ich zuerst mal negativ überrascht über die Zimmergrösse. Dass man so viele Betten in ein solch kleines Zimmer quetschen kann, hätte ich gar nicht für möglich gehalten. Einige andere unerfreuliche Details - wie etwa die beiden Frauen, welche bis nach zwei Uhr morgens ihr Gepäck packten - suchte ich mir dann für den restlichen Aufenthalt in Peking eine etwas ruhigere Unterkunft. So richtig begeistern konnte mich Peking nicht. Schon als ich am ersten Tag den Tiananmen-Platz besuchte, nervten mich all unnötigen Schikanen. Obwohl der Platz keine zehn Meter von mir entfernt war, muss man wegen Absperrungen sicherlich noch einen Kilometer zu den Sicherheitschecks laufen. Als ich dann die Forbidden City, einen riesigen Palastkomplex, besuchen wollte, waren die 80'000 Tickets für den Tag um halb elf bereits ausverkauft. Als ich dann den Komplex, den ich ja noch nicht mal richtig betreten hatte, wieder verlassen wollte, ging die Suche nach dem Ausgang los. Dieser war so gut beschildert, dass selbst die Chinesen im Zeug herumirrten. Keine Ahnung wie viele Kilometer ich gelaufen bin, bis ich mich wieder auf einer normalen Strasse befand. Den Nachmittag verbrachte ich dann mit zwei Italienern, die dasselbe Schicksal teilen. Kurz: In dieser Stadt hat es mir einfach ein bisschen zu viele Touristen. Den Himmel sieht man wegen dem Smog kaum. Vermutlich habe ich langsam auch einfach ein paar historische Gebäude zu viel gesehen. Das CCTV-Hauptquartier hat mich hingegen mit seiner Form beeindruckt. Auch eine Fahrt mit dem Bus war ein echtes Erlebnis. Zuerst war dieser normal voll. Ich stand also irgendwo. Plötzlich weist mich der Billetverkäufer, der bei der mittleren Tür stand, an, ich solle mehr in die Ecke weichen. Etwas verdutzt folge ich seinem Rat. Wenige Sekunden später öffnen die Türen und der Bus wird von Leuten geschwemmt. Wer glaubt, in der Schweiz schon mal einen vollen Bus gesehen zu haben - nee, sorry, hast du nicht :-) Weil ich die Chinesische Mauer schon auf dem Weg nach Peking gesehen hatte, war ich mir zuerst nicht sicher, ob sich ein Ausflug zur Mauer wirklich lohnt. Mir wurde dann jedoch von einer Stelle erzählt, wo es praktisch keine Leute habe und so hab ich mich dann doch noch entschieden, mit dem Bus dorthin zu reisen. Nachdem ich mich mit einem Spanier, den ich im Bus kennenlernte, durch den Wald geschlagen hatte, erreichten wir völlig verschwitzt die Mauer. Oben angekommen erwartete uns eine echt grandiose Aussicht. Du stehst dann plötzlich auf einem Bauwerk, welches sich über unzählige Hügel schlängelt bis hinter der letzten Erhebung am Horizont verschwindet. Wir wanderten über die Mauer, wobei das erste Stück halb zerfallen und überwachsen war.

Nachdem ich in einem Fahrradgeschäft von Giant nach einer Kartonschachtel gefragt hatte und gebeten wurde, kurz zu warten, schaute ich mir die Fahrräder etwas genauer an. Chinabilligmarke Giant, dachte ich immer, wenn ich Giant-Fahrräder auf der Strasse sah. Hier wurde mir plötzlich bewusst, dass ich damit falsch lag. Fahrräder bis zu 10'000 Franken waren in diesem Geschäft ausgestellt. China ist nicht mehr nur das Billigproduktionsland, wie wir es uns in Europa vorstellen. Die Städte in China sind die teuersten seit ich den deutschsprachigen Raum verlassen hatte. Während man in Zentralasien als Ausländer oft 5-10 mal mehr für die Touristenattraktionen bezahlen muss und diese mit etwa 5 Franken noch immer billig sind, werden in China auch Einheimische für Eintritte mit bis zu 25 Franken pro Person belangt. Auf den Strassen sieht man auch ausserhalb der Städte viele teure oder zumindest westliche Autos wie BMSs oder Fords. Selbst ein Tesla ist mir einmal auf dem Land über den Weg gefahren. Auch wenn ich nicht behaupten könnte, dass ich nach einem Monat China wirklich kennengelernt hätte, scheint sich doch vieles in diesem Land sehr positiv zu entwickeln.

6 Monate. 12'000 Kilometer. 100'000 Höhenmeter. 800 Fahrstunden. 13 notierte Platten. 17 Länder. Eine Reise.

Diese Reise geht nun zu Ende. Das Heimkommen beginnt. Ganz fertig bin ich jedoch mit diesem Blog noch nicht. In den letzten sechs Monaten habe ich viel gesehen, gelernt, gefühlt und gedacht. Einiges davon würde ich gerne mit dir teilen. Schau auf jeden Fall in ein paar Tagen nochmals vorbei.

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