Die Berge rufen
Während du diese Zeilen liest, sitze ich vermutlich bereits im Zug. Aber nicht etwa in einem gewöhnlichen Zug, sondern in einem Zug nach Zentralasien. Auf dem Weg nach Kirgistan.
Machen wir es kurz: Der Plan mit dem Studium wollte nicht so wirklich aufgehen. Nach zwei Semestern war klar, dass ich nicht weitermachen würde. So hatte ich plötzlich Zeit. Viel Zeit! Schon bevor der Entscheid gefallen war, war klar, womit ich die Zeit füllen würde: Projekt Pik Lenin. (Pik? Sieht das Wort nur für mich befremdend aus? Vielleicht bleibe ich doch lieber beim englischen Peak.)
Als ich meine Route für die Velotour durch das Pamirgebirge legte, habe ich erstmals vom Peak Lenin erfahren. Ein stolzer, wenn auch nicht sonderlich hübscher, und zudem einfacher 7000er. Wobei natürlich auch die einfachsten Berge von dieser Höhe kein Sonntagsspaziergang darstellen. Erfolgsgarantie gibt es selbst mit der besten Vorbereitung keine. Das wechselhafte Wetter und die Höhe haben schon vielen Bergsteigern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Einfach bezieht sich hier auf die technische Schwierigkeit, womit gemeint ist, dass man dort mehr oder weniger hochlaufen kann. Als ich dann mit Nicholas das Pamir-Gebirge durchquerte, wäre es fast zu einer Besteigung gekommen. Wohl besser, dass es nicht dazu kam, denn Erfahrung mit Hochtouren hatte ich damals sehr, sehr wenig: nämlich keine - was sich auch noch nicht geändert hatte, als ich vor weniger als zwei Monaten meinen Expeditionsleiter anrief und ihn fragte, ob er mich auf den Peak Lenin mitnehmen würde. Spricht es für oder gegen ihn, dass er zustimmte? :-)
Somit war klar, wie ich die nächsten Wochen verbringen würde. Für den Hochtourenkurs hatte ich mich bereits angemeldet gehabt und kurz darauf setzte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Fuss ins Fitnessstudio. Fast jede Woche unternahm ich eine Wanderung oder Hochtour. Einmal mit viel Ausrüstung, einmal ohne unnötiges Gramm und dafür auf Tempo. Gute zehn 4000er klapperte ich in den Italienischen und Schweizer Alpen ab. Die Puste ging mir dabei nie aus. Die Höhe konnte ich hingegen ab 4500 Metern nicht leugnen. Wie würde das wohl erst in Kirgistan werden?
Auch die Anreise selbst wollte geplant sein. Denn aus irgendeinem Grund hatte ich mir in den Kopf gesetzt, mit dem Zug anzureisen. Was ein interessantes Erlebnis werden sollte, war vorerst mal ein Stressfaktor: Ein Monat vor geplantem Start war die beste Zugverbindung nach Moskau bereits ausgebucht - und dies obwohl die WM dann bereits vorbei sein würde und es billiger - aber vor allem einfacher - ist zu fliegen. Auf der Suche nach einer Alternative ohne 9-mal umsteigen zu müssen, entdeckte ich einen Zug, der laut der leicht genervten Dame am SBB-Schalter gar nicht existierte. Per Geisterzug nach Moskau! (Läuft ab sofort auf meinem Blog.) Noch während ich innerlich aufatmete, musste ich realisieren, dass die Visumfreiheit für Weissrussland nur für Flugreisende gilt. Somit würde ich nicht nur ein Visum für Russland, sondern auch Weissrussland benötigen. Habe ich schon erwähnt, dass fliegen einfacher gewesen wäre? Das zweite Visum erhielt ich gerade noch rechtzeitig wenige Tage vor der Abreise. Immerhin die Strecke Moskau - Bischkek, eine Panoramafahrt im offenen Schlafwagen durch die Steppe Kasachstans, liess sich völlig unproblematisch lösen. Da war weder der Zug überfüllt, noch brauchte ich für Kasachstan oder Kirgistan ein Visum.
Sobald ich in Kirgistan angekommen bin, werde ich für etwas mehr als eine Woche am Trekken sein. Anschliessend geht es nach Osh, wo ich auf die restliche Gruppe treffen werde. Zwei Wochen später ist der Gipfeltag geplant. That's it! Bis ich Ende August zurückkomme, wird hier erst mal Ruhe einkehren.
Zuletzt noch einige Impressionen von der Vorbereitung, meinen Wanderungen und Hochtouren: