Auf ins wilde Kirgistan

4-mal musste ich umsteigen, bevor ich nach einer knappen Woche in Bischkek den Zug verliess. Zuerst ging es über Wien nach Warschau, wo ich mir für einige Stunden die Füsse vertreten konnte. So richtig erwärmen konnte mich die polnische Hauptstadt leider nicht. Dazu fehlte mir aber auch einfach die Zeit, denn historisch hätte die Stadt, welche im 2. Weltkrieg zu 80% zerstört wurde, sicherlich einiges zu bieten gehabt. Dort sollte ich dann in den Zug einsteigen, der laut der Dame am SBB-Schalter gar nicht existieren dürfte. Zu meiner Überraschung war dies dann sogar der modernere Zug, als derjenige nach Warschau, wofür mir die SBB noch ein Ticket verkaufte.

An der weissrussischen Grenze wurde mein Gepäck, insbesondere die Apotheke, unter die Lupe genommen. Als der Zug dann weiterrollte, befanden wir uns plötzlich in einer Fabrikhalle. Ich schaute etwas verdutzt aus dem Fenster, bis mir einer meiner Abteilgenossen erklärte, dass gleich das gesamte Fahrwerk ausgetauscht werden würde. Denn in Russland, erfuhr ich weiter, seien die Gleise breiter. Viel mehr als die komische Aussicht und ein Rucken, das durch den Wagon ging, bekam man vom Fahrwerkwechsel jedoch nicht mit. Dies und einige Verkäuferinnen, die währenddessen durch den Wagon streiften, sollten meine einzigen Eindrücke von Weissrussland bleiben. Denn als ich am nächsten Morgen aufwachte, waren wir bereits in Russland. Mein erster Eindruck von Russland? Baum. Baum. Baum. Baum. Hütte. Baum. Baum. Baum. Russland, das wurde mir schnell bewusst, besteht wohl hauptsächlich aus Wäldern. In Moskau angekommen fuhr mich die Frau eines weiteren Abteilgenossen, der nur wenige Worte Englisch sprach, aber von meinen Plänen begeistert war, zu einem Hostel. Die gute Frau hatte zur Hälfte der Fahrt ein Smartphone in der Hand und hielt auch nicht gross was von Abstand halten beim Spurwechsel.

So bin ich also nach zwei Tagen Zugfahrt in Moskau angekommen. Moskau ist ganz schön kitschig, muss ich sagen. Wenn es noch etwas kühler gewesen wäre, hätte bei der Strassenbeleuchtung durchaus Weihnachtsstimmung aufkommen können. Der Rote Platz, insbesondere die farbige Basilius-Kathedrale, und der Kreml konnte mich hingegen echt beeindrucken. Beim Kreml handelt es sich übrigens nicht etwa um die russische Regierung, sondern um eine Festung, welche hauptsächlich Kirchen mit goldüberzogenen Dächern beherbergt. Offiziell ist der Amtssitz von Putin zwar auch dort, wohnen tut er dort aber gar nicht.

Bei einer Tour durch die Stadt machte sich die Reiseleiterin bei jeder Gelegenheit über die Regierung lustig, jeweils gefolgt von einem unsicheren Kichern. "Visit Russia - before Russia visits you! Hi hi hi!" Ganz so schlimm kann es um die Meinungsfreiheit in Russland wohl doch nicht stehen, wobei sie - zumindest ihrem Lachen nach - davon wohl selbst nicht ganz überzeugt war. Von der WM, die einige Tage zuvor endete, habe ich übrigens erstaunlich wenig mitbekommen. Diejenigen Leute, die ich traf und an der WM waren, waren auf jeden Fall begeistert. So etwa ein Brasilianer, der am Tag nachdem sein Team unverhofft ausschied, nach Russland flog und trotzdem eine super Zeit erlebte. Moskau ist übrigens die erste von mir besuchte Stadt, die es auch tatsächlich fertig bringt, ein brauchbares öffentliches WLAN zu installieren. Das kam mir gerade recht, denn wegen einer Erkältung wollte ich mir das Leben etwas einfacher machen und war meist mit einem Uber-Klon unterwegs, wofür man halt Internet braucht. Für die sonst nicht gerade billige Stadt waren die Taxis krass billig. Für eine Fahrt von 10 Minuten bezahlte ich nicht mehr als 170 Rubel, umgerechnet etwa 2.65 Fr. Und dies obwohl die Löhne in Moskau oft bis zu doppelt so hoch wie im restlichen Russland sein sollen.

Auf die Fahrt von Moskau nach Bischkek war ich besonders gespannt. 3 Tage sollte die Fahrt dauern. Vorsorglich habe ich ein Fahrrad-Schloss eingepackt, womit ich meinen Rucksack anketten konnte. Diese Sorge erübrigte sich dann aber schnell. Einerseits konnte ich meinen Rucksack in einer Truhe unter meinem Bett unsichtbar machen. Anderseits teilte ich das Abteil mit der Grossmutter Tatiana und ihrem Enkelkind Xuscha. Auch wenn wir nur wenige gemeinsame Worte kannten, verstanden wir uns sofort gut. Und weil die Grossmutter doch einige Kilos zu viel wog und nie freiwillig aufstand, musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, dass das Abteil plötzlich länger unbeaufsichtigt wäre.

Bis auf einen Tag in Kasachstan, wo mein Wagon ziemlich voll war, war die Weiterreise angenehm, wenn auch bald mal zum Schwitzen heiss. Denn nein, eine Klimaanlage gibt es in der 3. Klasse natürlich keine. Bei der 3. Klasse handelt es sich um Schlafwagen, die keine schliessbaren Abteile haben und deren Betten etwas zu kurz sind, damit neben dem Gang noch eine weitere Liege Platz hat. Wenn man dann mal in der Nacht aufs WC musste, durfte man sein Geschick darin bewiesen, den Füssen, die oft weit über die Betten reichten, auszuweichen. Und wenn wir schon beim WC sind: Die WC-Rolle, wovon ich mich fragte, ob die wohl für die ganze Reise reichen würde, war nach drei Tagen beinahe aufgebraucht. Weshalb? Nun ja, im Gegensatz zum Wagonboden, der ein- bis zweimal täglich feucht aufgenommen wurde, machte das WC meist einen ziemlich jämmerlichen Eindruck. Verpisst war es immer. Dazu ein bisschen Zigarettenasche und Scheisse. Wer mit den WCs in Schweizerischen Zügen seine Mühe hat, würde vermutlich auch hier nicht glücklich werden.

Wenn ich nicht gerade am Lesen war, spielte ich oft mit Xuscha. Glücklicherweise habe ich auf der letzten Hochtour von einem Russen das Kartenspiel Dorak beigebracht bekommen, welches wir nun bis zum Abwinken spielten. Dazu kam jede Menge Unsinn, wie etwa eine Tuchschlacht, Selfies mit jedem vorstellbaren Filter oder Zugerkundigungen. Die lieben Russen und Kasachen, die mit mir das Wagon teilen, müssen jetzt wohl einen ziemlich falschen Eindruck von der Schweizer Kultur haben. Wobei das hoffentlich auch umgekehrt gilt: Denn alle Kasachen, mit denen ich mich unterhalten konnte und teilweise auch musste, arbeiten entweder in der Ölbranche oder waren ganz leicht mühsam. Da war etwa Gabriel, vermutlich der einzige Kasache im Zug, der gut Englisch sprach und mit seinen Kollegen gerade auf dem Weg zu einer Bohrstelle war. Dort werden sie für einen Monat arbeiten und bekommen dann einen Monat Ferien. Klingt für mich eigentlich nach einem ziemlich coolen Arbeitsmodell. Und während ich das so schreibe, verstehe ich plötzlich auch, woher Gabriel die ganze Zeit für seine Physik-Projekte hatte, wovon er mir und den wohl einzigen zwei weiteren westlichen Touristen im Zug Videos zeigte. Und weil er Kasache ist, durfte es natürlich auch nicht an Alkohol fehlen, den er freimütig spendierte und den man gefälligst zu trinken hatte. Einige Biere später fand ich dann, leider als einziger der Gruppe, jedes Kamel, das am Fenster vorbeizog besonders amüsant.

Bei den weniger angenehmen Kasachen handelte es um einige ziemliche Brocken, mit denen man lieber keine Probleme haben wollte. Einer davon schlief oberhalb von mir, woraus er ein Sitzrecht auf meinem Bett ableitete, und zwar auch wenn ich noch schlafen wollte. Ein anderer hatte besonders Freude am Schweizer, verstand aber nicht so recht, weshalb dieser nie schlau antworten konnte, was er mindestens ein bisschen persönlich nahm. Dann blieb da noch ein dritter, bei dem ich nicht sicher bin, ob er jetzt Anstoss daran nahm, dass ich Kasachstan als heiss und flach empfand - das war natürlich eine fahrlässige Vereinfachung, denn nach zweitausend Kilometern Steppe tauchten doch noch einige Berge auf - oder ob er ein Problem damit hatte, dass ich kein Russisch sprach oder auch einfach nicht Moslem bin. Um etwaigen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, zog ich es dann vor, etwas mehr Zeit im besser belüfteten Restaurant zu verbringen, was wiederum Xuscha nicht gefiel, die mir dann "Google" befahl, womit sie Google Translate meinte und mir damit zu verstehen gab, dass es ohne mich langweilig sei.

In Bishkek angekommen, hiess es erstmals das Trekking zu planen und Verpflegung für eine Woche einzukaufen. Ich wollte etwas unternehmen, wo ich nicht ständig anderen Touristen über den Weg laufe und entschied mich schlussendlich für eine Wanderung von Naryn zum Issyk Kul, dem zweitgrössten Gebirgssee der Welt. Nach einem Tag in der Hauptstadt ging ich frühmorgens zur Busstation, wo ich ein Sammeltaxi nach Naryn nehmen wollte, was dann auch erstaunlich problemlos funktionierte. Etwas verdutzt stellte ich fest, dass das Steuerrad auf der rechten anstatt der linken Seite platziert war. Bei all den Überholmanövern, die ich kurz darauf als Beifahrer miterlebte, ist das nicht ganz unproblematisch, weil die Sicht des Fahrers so doch deutlich eingeschränkt ist. Wie mir später erklärt wurde, ziehen die kirgisischen Taxifahrer japanische Autos, die auch in Japan hergestellt werden, aufgrund der geringeren Wartungskosten vor und somit ist dann halt das Steuerrad auf der falschen Seite. Während der Fahrt kamen wir an unzähligen Geschwindigkeitskontrollen der Polizei vorbei. Zuerst habe ich mich noch gefragt, woher der Fahrer bloss wusste, wo er das Tempo reduzieren musste. Doch schon bald war mir klar, dass sich die Polizei einfach immer hinter den Kurven versteckte. In Naryn deponierte ich ein Teil meines Gepäcks in einem Hotel und lief los. Zuerst ging es noch einer Strasse entlang, die ich sowohl zu Fuss, in einem Bus, einem Lastwagen und einem Taxi bewältigte. In Kirgistan ist Autostopp echt ein Kinderspiel: Ein beachtlicher Teil der Autofahrer hält auf Handzeichen an, sofern der Wagen nicht bereits überfüllt ist, und nimmt dich mit, bis sich die Wege sich wieder trennen. Manchmal wollen die Fahrer ein kleines Entgelt, meist wurde dies jedoch abgelehnt. Irgendwann bin ich dann beim letzten Dorf angekommen und machte in die Wildnis. Wenig später traf ich einen Reiter in Militärkleidung, der von mir wissen wollte, ob ich denn auch eine Karte dabei habe - eine Frage, die ich von fast allen Nomaden gestellt bekommen sollte. Kurz vor Dämmerung passierten mich einige Autos, die mich allesamt mitnehmen wollten. Einer der Fahrer war hartnäckig genug und so ging es über einen holprigen Weg zu einer Jurte, wo ich übernachten würde. Insgeheim habe ich gehofft, dass ich eine Nacht bei Nomaden verbringen würde, aber damit, dass dies gleich am ersten Abend passieren würde, habe ich nicht gerechnet. So sass ich mit der ganzen Familie um einen tief gelegenen Tisch und es wurden verschiedene Milchprodukte serviert. Darunter war auch Kumys (ausgesprochen "Kumus"), wobei es sich um fermentierte Stutenmilch handelt. Schmeckt ungefähr so, wie man sich das vorstellt. Seither versuchte ich mit beschränktem Erfolg, diesem Getränk aus dem Weg zu gehen, was jedoch gar nicht so einfach war, da die Kirgisen offensichtlich stolz auf dieses Getränk sind. Echt schade, dass Kumys so schlecht haltbar ist, ansonsten hätte ich nur zu gerne noch ein paar Versuchsproben nach Hause gebracht! Nach dieser Vorspeise brachte mir die jüngste Tochter in wenigen Minuten das Reiten bei, was sich als viel einfacher herausstellte, als ich es mir vorgestellt habe. Das Abendessen selbst folgte erst lange nach der Dämmerung und war erstaunlich gut. Frage an dich: Wie ist denn wohl so eine Jurte beleuchtet? a) Glühende Kohle im Ofen b) Feuer in der Mitte c) Kerzen d) zwei herkömmliche LED-Lämpchen. Richtig! Zwei LED-Lämpchen! Das Licht genügte gerade, damit man sich gegenseitig erkennen konnte. Nach dem Essen durfte ich mein Lager im Koch-Zelt aufschlagen, während die 9-köpfige Familie die Jurte in ein Massenlager verwandelte - wobei einer der jüngeren Söhne im Auto übernachten durfte.

Am nächsten Tag liess ich endlich jegliche Strasse hinter mir und machte mich in Richtung des ersten Passes auf. Bald schon wurde mir bewusst, was für ein Luxus unsere Wanderwege sind: Ich durfte mich durchs Gebüsch schlagen, musste eiskalte Bäche durchqueren, musste mehrfach umkehren, weil ich einfach nicht mehr weiterkam und sank in moorartigen Wiesen ein. In Passnähe kamen Schneefelder hinzu, die überquert werden wollten. Ohne Eispickel, den ich vorsichtigerweise dabeihatte, wäre dies sehr ungemütlich geworden. Oft war der Hang zudem mit Kies übersät, das unter meinem Gewicht abrutschte. Auch als es auf der anderen Seite des Passes runter hing, konnte ich das Tempo kaum erhöhen, weil die Rutschgefahr weiter bestand. Doch auch der schwere Rucksack, gestopft mit dem Essen für eine Woche, machte mir zu schaffen. Irgendwie habe ich mir das etwas einfacher vorgestellt.

Die Landschaft und Tiere machten all diese Mühen aber wieder wett: Ich beobachtete riesige Vögel, vermutlich Adler und traf auf hunderte von Murmeltieren. Auf den Wiesen blühten Edelweiss, als ob es sich dabei um eine gewöhnlichste Blume handelt. Und dann waren da all die Pferde. Auch wenn diese alle einen Besitzer haben, wie ich später erfuhr, ist es einfach schön, diesen Tieren zuzuschauen und durch die Herden zu streifen. Dazu kommen die weiten Täler, meist saftig grün, weiter unten auch steppenhaft. Die Bergen Kirgistans sind einfach schön.

Je weiter ich kam, desto einfacher wurde die Wanderung. Einerseits weil der Rucksack leichter, aber auch weil das Gelände einfacher wurde. Der zweite Pass, knappe 4000 Meter hoch, war dann schon fast eine Enttäuschung, weil dort eine Strasse darüber führte. Auf der südlichen Seite war diese jedoch mit so vielen Erdrutschen überschüttet, dass auch ein Geländewage keine Chance mehr gehabt hätte. An diesen Tagen wurde ich noch zweimal von heftigen Gewittern mit Hagel überrascht, wovor ich in meinem Zelt Schutz suchen musste. So war ich dann doch nicht unglücklich, als ich am 6. Tag den riesigen und tiefblauen Issyk Kul am Horizont entdeckte.

Abgesehen von längeren Sammeltaxi-Fahrten, darunter zwölf Stunden von Bishkek nach Osh, unternahm ich in der darauffolgenden Woche kaum was und genoss einige ruhige Tage in Osh. Dies war jedoch auch nötig, da mich die Erkältung noch immer nicht in Ruhe lassen wollte. Während diesen Tagen erfuhr ich auch, dass die erste Expedition meiner Agentur aufgrund des vielen Schnees abgebrochen werden musste. Der Wetterbericht für die kommende Woche sah ebenfalls nicht gerade rosig aus. Mit gemischten Gefühlen, aber doch froh, dass es endlich los ging, machte ich mich so am Samstagabend zum Hotel auf, wo ich meinen Expeditionsleiter kennen lernen würde.

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